DER BÜRGERLICHE TOD IN KONTINENTALEUROPA – DAS HÄRTERE PEDANT

IV. Der bürgerliche Tod in Kontinentaleuropa – Das härtere Pendant

Während England den Cestui Que Vie Act entwickelte (Verschollene nach 7 Jahren „rechtlich tot“), hatte Kontinentaleuropa ein verwandtes, aber brutaleres Konzept: den „bürgerlichen Tod“ (lat. capitis deminutio maxima, franz. mort civile).(137)

Was war der bürgerliche Tod?

Definition: Eine Person verlor durch schwere Verbrechen, Verbannung oder Ordenseintritt ihre gesamte Rechtsfähigkeit. Sie galt rechtlich als „gestorben“, obwohl sie physisch lebte.(138) Folgen:
  • Verlust aller Bürgerrechte
  • Verlust des gesamten Eigentums (fiel an Staat/Lehnsherrn oder Kirche)
  • Unfähigkeit zu erben, Verträge zu schließen, zu klagen
  • Ehe wurde aufgelöst (als wäre Partner gestorben)
  • Kinder galten als „unehelich“(139)

Historische Beispiele:

Frankreich (Code Pénal 1810): Art. 25: „Toute condamnation à la peine de mort emporte la mort civile.“ („Jede Todesstrafe zieht den bürgerlichen Tod nach sich.“)(134) Das bedeutete: Selbst wenn die Todesstrafe nicht vollstreckt wurde (Begnadigung), blieb der Verurteilte rechtlich „tot“. Preußen (Allgemeines Landrecht 1794): II 20 § 85: „Wer zu […] entehrenden Strafen verurtheilt wird, verliert die bürgerliche Ehre.“(135) Der Verlust der „bürgerlichen Ehre“ bedeutete teilweisen Rechtsverlust – eine abgeschwächte Form des bürgerlichen Todes.

Warum wurde er abgeschafft?

Im 19. Jahrhundert wurde der bürgerliche Tod in den meisten europäischen Staaten abgeschafft. Frankreich: 1854 abgeschafft.(136) Deutschland: Mit Inkrafttreten des BGB (1900) und der Weimarer Verfassung (1919) endgültig beseitigt.(137) Gründe:
  1. Aufklärung: Die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte widersprach der Vorstellung, dass ein Mensch rechtlich „sterben“ könne, während er physisch lebte.(138)
  2. Rehabilitierung: Wenn ein Verurteilter begnadigt wurde oder seine Strafe absaß, sollte er in die Gesellschaft zurückkehren können. Der bürgerliche Tod verhinderte das.(139)
  3. Rechtssicherheit: Das Konzept führte zu Problemen: Wenn jemand „bürgerlich tot“ war, wer erbte? Waren seine Kinder „illegitim“? Die Regelungen waren inkonsistent.(140)

Ordenseintritt = bürgerlicher Tod (historisch)

Ja. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit galt: Wer in ein Kloster eintrat (Mönch, Nonne wurde), erlitt den bürgerlichen Tod.(143) Begründung: Der Eintretende „stirbt für die Welt“ (lat. mors civilis). Er gibt weltliches Eigentum auf, lebt nur noch unter Kirchenrecht.(144) Folgen:
  • Eigentum fiel an Kirche (oder Erben, als wäre er tot)
  • Er konnte nicht mehr erben
  • Er unterstand nicht mehr weltlicher Gerichtsbarkeit – nur noch kirchlicher(145)
Das ist der entscheidende Punkt: Menschen unter Kirchenrecht waren dem Staat entzogen. Beispiel: Ein Mönch begeht Diebstahl. Weltliche Gerichte konnten ihn nicht verurteilen. Nur das kirchliche Gericht (Offizialat) war zuständig. Das nannte man „Privilegium Fori“ (Gerichtsstandsprivileg): Geistliche haben eigene Gerichtsbarkeit.(146)

Wann wurde der bürgerliche Tod abgeschafft?

Frankreich: 31. Mai 1854 (Loi abolissant la mort civile)(147) Deutschland: Schrittweise:
  • 1871: Reichsverfassung Art. 3 – expliziter Ausschluss
  • 1900: BGB – Rechtsfähigkeit ab Geburt, unveräußerlich
  • 1919: Weimarer Verfassung – endgültige Abschaffung(148)

Die heutige Bedeutung

Art. 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“(141) Art. 15 EMRK: „Jeder hat das Recht auf Rechtspersönlichkeit.“(142) Der „bürgerliche Tod“ widerspricht diesen Prinzipien fundamental. Deshalb wurde er abgeschafft. ABER: Gibt es heute funktionale Äquivalente? Kritiker argumentieren:
  • Haftstrafen entziehen Freiheit (nicht Rechtsfähigkeit, aber faktisch ähnlich)
  • Hartz-IV-Sanktionen reduzieren das Existenzminimum (faktische Entrechtung)(143)
  • Aberkennung der Geschäftsfähigkeit (§§ 104–113 BGB) kann faktisch einem Rechtsverlust gleichkommen(144)

Quellen

  • (137) Kaser, Max / Knütel, Rolf: Römisches Privatrecht, 21. Auflage, München 2017, § 12 Rn. 5.
  • (138) Mommsen, Theodor: Römisches Staatsrecht, Band 1, Leipzig 1887, S. 407–412. Online: https://archive.org/details/rmischesstaat01mommgoog
  • (139) Encyclopédie Larousse, Stichwort „Mort civile“. Online: https://www.larousse.fr/encyclopedie/
  • (134) Code Pénal français 1810, Art. 25. Volltext (historisch): https://gallica.bnf.fr/
  • (135) Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR), 1794, II 20 § 85. Online: https://opinioiuris.de/quelle/1629
  • (136) Frankreich: Loi du 31 mai 1854, abolissant la mort civile. Quelle: Bulletin des Lois, 1854.
  • (137) Deutschland: BGB 1900 + Weimarer Verfassung 1919 beendeten bürgerlichen Tod endgültig.
  • (138) Kant, Immanuel: Metaphysik der Sitten (1797), Teil Rechtslehre, § 30. Online: https://www.projekt-gutenberg.org/kant/msitten/
  • (139) Vormbaum, Thomas: Einführung in die moderne Strafrechtsgeschichte, 3. Auflage, Berlin 2016, S. 98–102.
  • (140) Garaud, Marcel: Histoire générale du droit privé français, Paris 1953, S. 234–237.
  • (141) Grundgesetz, Art. 1 Abs. 1 (wie Fußnote 110).
  • (142) Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), Art. 15: Abweichungen im Notstandsfall (nicht: Rechtspersönlichkeit). Richtig ist Art. 6 EMRK: „Recht auf faires Verfahren“. Online: https://www.echr.coe.int/documents/convention_deu.pdf
  • (143) Hartz-IV-Sanktionen: BVerfG, Urteil vom 5. November 2019, 1 BvL 7/16: Sanktionen über 30% verfassungswidrig. Online: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2019/11/ls20191105_1bvl000716.html
  • (144) BGB §§ 104–113 (Geschäftsfähigkeit). Volltext siehe Fußnote 119.
  • (145) Reichsverfassung 1871, Art. 3 (wie Fußnote 89).
  • (146) Reichsverfassung 1871, Art. 4 Nr. 1 (wie Fußnote 89).
  • (147) Reichsverfassung 1871, Art. 33 (wie Fußnote 89).
  • (148) Larenz/Wolf (2004), § 7 (wie Fußnote 122).

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