BISMARCK UND DIE REICHSGRÜNDUNG (1871)

BISMARCK UND DIE REICHSGRÜNDUNG (1871)

Die kleindeutsche Lösung – und die Erschaffung der juristischen Person


Der Einzug der Sieger

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Preußische Generäle in ihren Uniformen, deutsche Fürsten in vollem Ornat, und mittendrin: Otto von Bismarck, der Architekt dieser Einigung.(81) Wilhelm I. von Preußen wurde zum Deutschen Kaiser ausgerufen – nicht durch das Volk, sondern durch die Fürsten.(82) 65 Jahre nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches war Deutschland wieder geeint. Doch es war nicht das alte Reich. Es war ein neues Konstrukt: zentralistisch statt föderal, militaristisch statt rechtsbasiert, preußisch dominiert statt vielstimmig. Und es schuf etwas, das bis heute nachwirkt: die rechtliche Unterscheidung zwischen dem lebenden Menschen und der juristischen PERSON. Dieses Kapitel untersucht nicht nur die politische Reichsgründung, sondern auch die juristische Transformation: Wie wurden aus freien Menschen staatlich verwaltete Rechtssubjekte? Welche Rolle spielte die Verfassung? Und was hat der englische Cestui Que Vie Act von 1666 damit zu tun?

I. Bismarcks Weg zur Einigung

Blut und Eisen statt Parlamentarismus

Otto von Bismarck wurde 1862 preußischer Ministerpräsident. Seine berühmte Rede vor dem preußischen Abgeordnetenhaus im September 1862 legte die Linie fest:
„Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden […], sondern durch Eisen und Blut.“(83)
Die Paulskirchen-Versammlung von 1848 hatte versucht, Deutschland durch Verfassung und Parlament zu einen – und war gescheitert. Bismarck wählte den umgekehrten Weg: Einigung durch Krieg.

Bismarcks Einigungskriege (1864–1871)

Otto von Bismarck wurde 1862 preußischer Ministerpräsident. Seine Strategie: Einigung durch Blut und Eisen.(103) 1864: Deutsch-Dänischer Krieg. Preußen + Österreich erobern Schleswig-Holstein.(104) 1866: Deutscher Krieg (Bruderkrieg). Preußen besiegt Österreich bei Königgrätz (3. Juli). Der Deutsche Bund wird aufgelöst. Norddeutscher Bund entsteht unter preußischer Führung (ohne Österreich).(105) 1870–1871: Deutsch-Französischer Krieg. Bismarck provoziert Frankreich (Emser Depesche). Die süddeutschen Staaten (Bayern, Württemberg, Baden) stellen sich an Preußens Seite. Napoleon III. kapituliert bei Sedan (2. September 1870).(106) 18. Januar 1871: Im Spiegelsaal von Versailles wird das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Wilhelm I. von Preußen wird Deutscher Kaiser – nicht durch das Volk, sondern durch die Fürsten.(107) Die Demütigung Frankreichs war kalkuliert – und sollte 48 Jahre später blutige Folgen haben (Versailles 1919).

VIII. Bismarcks Sozialversicherung – Die Gegenleistung

Die revolutionären Sozialgesetze (1883–1889)

Während das Kaiserreich die PERSON-Verwaltung etablierte (Staatsangehörigkeit, Pass, Meldepflicht), tat es gleichzeitig etwas revolutionär Soziales: 15. Juni 1883: Krankenversicherungsgesetz
  • Pflichtversicherung für Arbeiter mit Einkommen unter 2.000 Mark/Jahr
  • Beitragssatz: 3% des Lohns (2/3 Arbeitnehmer, 1/3 Arbeitgeber)
  • Leistung: Arztkosten, Medikamente, Krankengeld (50% des Lohns, max. 13 Wochen)(182)
6. Juli 1884: Unfallversicherungsgesetz
  • Finanziert durch Arbeitgeber (100%)
  • Leistung: Bei Arbeitsunfall Rente (2/3 des Lohns bei Vollinvalidität)(183)
22. Juni 1889: Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz
  • Beitragssatz: ca. 2% des Lohns (je hälftig AN/AG)
  • Leistung: Rente ab 70 Jahren (ab 1916: ab 65), bei Invalidität früher(184)
Sozialversicherungsbeiträge gesamt: ~5%

Steuerlast im Kaiserreich:

Reich:
  • Keine Einkommensteuer auf Reichsebene (!)
  • Nur indirekte Steuern: Zölle, Verbrauchsteuern (Tabak, Branntwein, Zucker, Salz): 3–5% des Einkommens(185)
Bundesstaaten (z.B. Preußen):
  • Einkommensteuer ab 1891: progressive Skala 0,67%–4%
    • Bis 900 Mark/Jahr: 0,67%
    • 900–1.050 Mark: 1%
    • Ab 100.000 Mark: 4%(186)
Kommunen:
  • Grundsteuer, Gewerbesteuer (lokal unterschiedlich): ca. 1–2%(187)
Gesamtabgabenlast (Sozialversicherung + Steuern): ~10–12% Durchschnitt: etwa 10%(188)

Was bekamen Bürger dafür?

Kaiserreich (10% Abgabenlast)BRD 2025 (84% Abgabenlast)
✅ Krankenversicherung (funktioniert, Ärzte bezahlt)⚠️ Krankenversicherung (40 Mrd. € versicherungsfremd: Abtreibungen, Geschlechtsumwandlungen, etc.)(189)
✅ Unfallversicherung (Rente bei Arbeitsunfall)⚠️ Unfallversicherung (Beiträge steigen, Leistungen sinken)
✅ Altersrente ab 65 (nach 45 Jahren Arbeit)⚠️ Altersrente (80 Mrd. € versicherungsfremd: Mütterrente, Ost-West-Angleichung ohne Beiträge)(190)
✅ Infrastruktur ausgebaut (Eisenbahn: 63.000 km Gleise bis 1914, Kanäle, Telegrafie)(191)❌ Infrastruktur zerfällt (4.000 marode Brücken, 150 Mrd. € Investitionsstau)(192)
✅ Bildung gefördert (Schulpflicht ab 1871, Universitäten ausgebaut, Analphabetenrate sank von 20% auf 1%)(193)⚠️ Bildung (Lehrermangel 40.000, Schulen marode, PISA-Rang sinkt)(194)
Fazit: 8x höhere Abgabenlast heute – deutlich schlechtere Gegenleistung.

Warum diese Doppelstrategie?

Bismarck gab mit der einen Hand (Sozialversicherung, 10% Steuern) und nahm mit der anderen (PERSON-Verwaltung, Staatsangehörigkeit). Drei Ziele: 1. Legitimation
  • Niedrige Steuern + echte Gegenleistung = Loyalität
  • Bürger spüren: „Der Staat ist fair“
2. Sozialistenbekämpfung
  • SPD (damals marxistisch) gewann an Einfluss
  • Bismarck verbot sie 1878 (Sozialistengesetz)(195)
  • ABER: Gab gleichzeitig Sozialversicherung
  • Zitat Bismarck (sinngemäß): „Wer eine Pension hat, ist weit weniger revolutionär.“(196)
3. Produktivität
  • Kranke, verletzte, alte Arbeiter sind unproduktiv
  • Sozialversicherung hielt Arbeiter arbeitsfähig – im Interesse der Industrie(197)
Resultat: Ein Staat, der modern und sozial wirkt (Sozialversicherung, bürgerlicher Tod abgeschafft) – ABER subtil kontrolliert (PERSON-Verwaltung über Staatsangehörigkeit, Pass, Meldepflicht).

Quellen

  • (81) Karl der Große, Kaiserkrönung 25. Dezember 800, Rom. Einhard: Vita Karoli Magni, Kapitel 28. Online: https://www.thelatinlibrary.com/einhard.html
  • (82) Zwei-Schwerter-Lehre: Papst Gelasius I., Brief an Kaiser Anastasius I. (494 n.Chr.). Quelle: Tierney, Brian: The Crisis of Church and State 1050-1300, Toronto 1988, S. 13–14.
  • (83) Westfälischer Frieden, 24. Oktober 1648, Münster/Osnabrück. Online: https://www.lwl.org/westfaelischer-friede/
  • (103) Siemann, Wolfram: Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt 1985, S. 198–205.
  • (104) Weimarer Reichsverfassung, 11. August 1919. Volltext in: Reichsgesetzblatt 1919, S. 1383–1418. Online: https://www.documentarchiv.de/wr/wrv.html
  • (105) Weimarer Verfassung, Art. 1 (wie Fußnote 104).
  • (106) Weimarer Verfassung, Art. 109–165 (wie Fußnote 104).
  • (107) Weimarer Verfassung, Art. 109 (wie Fußnote 104).
  • (182) Krankenversicherungsgesetz 15. Juni 1883, RGBl. 1883, S. 73–104. Online: https://www.bundesarchiv.de/
  • (183) Unfallversicherungsgesetz 6. Juli 1884, RGBl. 1884, S. 69–133.
  • (184) Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz 22. Juni 1889, RGBl. 1889, S. 97–144.
  • (185) Witt, Peter-Christian: Die Finanzpolitik des Deutschen Reiches 1903-1913, Lübeck 1970, S. 23–27.
  • (186) Preußisches Einkommensteuergesetz 24. Juni 1891, Preuß. GS 1891, S. 175–201.
  • (187) Kommunalsteuern: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 3, München 1995, S. 567–572.
  • (188) Hennock, E.P.: The Origin of the Welfare State, Cambridge 2007, S. 156–158.
  • (195) Sozialistengesetz 21. Oktober 1878, RGBl. 1878, S. 351–358.
  • (196) Bismarck (sinngemäß): Ritter, Gerhard A.: Der Sozialstaat, München 1991, S. 82.
  • (197) Tennstedt, Florian: Sozialgeschichte der Sozialpolitik, Göttingen 1981, S. 167–172.

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