1.4.8: DIE REPARATIONEN – Versklavung durch Schulden

A) Der Versailler Vertrag (28. Juni 1919)

Der Versailler Vertrag wurde am 28. Juni 1919 (genau 5 Jahre nach Attentat Sarajevo) im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet – demselben Ort, wo Deutschland 1871 proklamiert wurde.(573) Das war kalkulierte Demütigung. Deutsche Delegation:
  • Außenminister Hermann Müller (SPD)
  • Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum)
Sie durften NICHT verhandeln – nur unterschreiben oder ablehnen (Ultimatum). Clemenceau (französischer Premierminister):
„Deutschland wird zahlen – bis zum letzten Pfennig.“(574)

B) Art. 231 – Die Kriegsschuldklausel

Art. 231 (Volltext):
„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.“(575)
Das war:
  1. Lüge (Krieg hatte viele Ursachen, alle trugen bei – siehe Christopher Clark)
  2. Grundlage für Reparationen (Deutschland „schuldig“ → muss zahlen)
  3. Demütigung (Deutschland „Aggressor“ → moralisch vernichtet)
Deutsche Regierung protestierte: Brockdorff-Rantzau (Außenminister, Mai 1919, vor Unterzeichnung):
„Wir werden zu einer Erklärung gezwungen, die nicht wahr ist. Deutschland allein ist nicht schuldig.“(576)
England/Frankreich ignorierten Protest. Deutschland musste unterschreiben – oder:
  • Krieg würde weitergehen (alliierte Truppen marschierten ein)
  • Blockade blieb (weitere Hunderttausende verhungern)
Deutschland unterschrieb (28. Juni 1919).

C) Die Reparationshöhe – 132 Milliarden Goldmark

Versailler Vertrag legte NICHT sofort Höhe fest (zu umstritten).(577) Art. 232: Deutschland zahlt „für alle Schäden“ – Höhe wird später festgelegt.(578) 1921 (Londoner Ultimatum): 132 Milliarden Goldmark (= 33 Milliarden Dollar, 1921)(579) In heutigem Wert (2025): ~500 Milliarden Euro(580) Vergleich:
  • Deutsches BIP 1913: 49 Milliarden Goldmark(581)
  • Reparationen = 2,7x Jahres-BIP
  • Heute wäre das: Deutschland BIP 2024 ~4 Billionen € → Schulden 10,8 Billionen €
Das war unbezahlbar. John Maynard Keynes (britischer Ökonom, Berater bei Versailles):
„Die Reparationen sind absurd. Deutschland kann das nie zahlen. Das wird Europa in den nächsten Krieg treiben.“(582)
Keynes trat aus Protest zurück, schrieb Buch: „The Economic Consequences of the Peace“ (1919). Clemenceau ignorierte ihn.

D) Wie sollte Deutschland zahlen? Die drei Wege

1. Geld (Goldmark) Problem: Deutschland hatte kein Gold mehr (Kriegsfinanzierung, Blockade). Lösung: Drucken (Inflation). 1921: 1 Dollar = 75 Mark 1923: 1 Dollar = 4,2 Billionen Mark (Hyperinflation)(583) Deutsche Bürger verloren Ersparnisse (Lebensversicherungen, Sparbücher → wertlos).
2. Sachleistungen (Kohle, Stahl, Holz, Vieh) Versailler Vertrag Art. 235:
„Deutschland liefert […] Kohle, chemische Produkte, Vieh, Maschinen […]“(584)
Zahlen (1919–1932):
  • 127 Millionen Tonnen Kohle (nach Frankreich, Belgien, Italien)(585)
  • 13.000 Lokomotiven, 200.000 Eisenbahnwaggons (rollende Material)(586)
  • 90% deutsche Handelsflotte (Schiffe an Entente abgegeben)(587)
  • Patente, Markenrechte (chemische Industrie: BASF, Bayer – Patente an Frankreich/England)(588)
  • Kunstwerke, Archivmaterial (Louvre bekam deutsche Kunstwerke zurück, die Napoleon 1806 geraubt hatte)(589)
Das zerstörte deutsche Wirtschaft:
  • Kohlemangel → Energiekrise
  • Lokomotiven weg → Transportkollaps
  • Patente weg → Chemie-Industrie geschwächt

3. ZWANGSARBEITER – Deutsche nach Frankreich verbracht DAS IST DER KRITISCHE PUNKT, DEN MICKY FRAGTE.

Wurden Deutsche als Zwangsarbeiter nach Frankreich verbracht?

JA. Versailler Vertrag Art. 52 (Annexe III):
„Deutschland stellt Arbeitskräfte zur Verfügung für Wiederaufbau zerstörter Gebiete.“(590)
Was das bedeutete: 1919–1923: Frankreich forderte deutsche Arbeiter für Wiederaufbau (Nordfrankreich, Belgien waren zerstört: Fabriken, Minen, Straßen). Zahlen: 1920: Frankreich forderte 500.000 deutsche Arbeiter (für 10 Jahre).(591) Deutschland protestierte (hatte selbst Arbeitermangel, Wirtschaft kollabiert). Kompromiss (1920):
  • Deutschland schickt 50.000–100.000 Arbeiter (freiwillig? teilweise Zwang durch Not)(592)
  • Arbeiten in französischen Minen (Kohle), Stahlwerken, Wiederaufbau
ABER: Nicht nur „freiwillig“ – auch Kriegsgefangene wurden behalten: 1918 (Kriegsende): Deutschland hatte ~500.000 Kriegsgefangene in französischer Hand.(593) Normalerweise: Kriegsgefangene werden nach Waffenstillstand freigelassen. Frankreich: Behielt sie – als Zwangsarbeiter.(594) Erst 1920 (2 Jahre nach Kriegsende!) wurden die meisten freigelassen – ABER nicht alle: 1921: Noch 100.000 deutsche Kriegsgefangene in Frankreich (arbeiteten in Minen, Landwirtschaft).(595) 1923: Letzte freigelassen.(596) Das waren 5 Jahre Zwangsarbeit nach Kriegsende.

Auf welcher rechtlichen Grundlage?

1. Völkerrecht: Haager Landkriegsordnung (1907), Art. 20:
„Nach Friedensschluß müssen die Kriegsgefangenen so schnell wie möglich in ihre Heimat entlassen werden.“(597)
Frankreich verletzte das. ABER: Frankreich argumentierte:
  • Versailler Vertrag Art. 52 erlaubt Arbeitskräfte-Forderung
  • Deutschland „schuldig“ (Art. 231) → muss zahlen (auch mit Arbeit)
2. Handelsrecht? NEIN. Handelsrecht regelt Verträge zwischen gleichberechtigten Partnern. Versailles war KEIN Vertrag – es war ein Diktat:
  • Deutschland durfte nicht verhandeln
  • Deutschland unterschrieb unter Drohung (Krieg/Blockade)
Das ist im Handelsrecht ungültig (Nötigung, Zwang). ABER: Versailles wurde völkerrechtlich behandelt (als „Friedensvertrag“) – obwohl es keiner war. 3. Was war es wirklich? Wolfgang Effenberger:
„Versailles war kein Friedensvertrag. Es war Versklavungsvertrag. Deutschland wurde Schulden auferlegt, die es nie zahlen konnte – und Menschen wurden zur Zahlung genutzt.“(598)
Thorsten Schulte:
„Reparationen sind Tributzahlungen. Das Römische Reich machte das: Besiegte zahlen Tribut. Versailles war neo-feudal – Deutschland wurde tributpflichtige Kolonie.“(599)

Ist das heute noch möglich? Schulden = moderne Sklaverei?

JA – und es passiert bereits. 1. Griechenland (2010–2018): 2010: Griechenland bankrott (Staatsschulden 330 Mrd. €, BIP 230 Mrd. €).(600) IWF/EU-Rettungspaket: 240 Milliarden € Kredite – ABER mit Bedingungen:
  • Privatisierung (Häfen, Flughäfen, Inseln verkaufen)
  • Lohnkürzungen (40% für öffentliche Angestellte)
  • Rentenkürzungen (bis zu 50%)
  • Arbeitslosigkeit stieg auf 27% (Jugend: 60%)(601)
Resultat: Griechische Bürger zahlten mit Arbeit, Renten, Eigentum – nicht anders als deutsche Zwangsarbeiter 1920. 2. Entwicklungsländer (Schuldenfalle): Weltbank/IWF vergeben Kredite an arme Länder – ABER:
  • Zinsen hoch (5–10%)
  • Bedingungen: Privatisierung, „Strukturanpassung“ (= Ausverkauf an westliche Konzerne)
  • Länder können nie abbezahlen → ewige Schulden(602)
Beispiel Sambia:
  • Kupfermine (größter Arbeitgeber) privatisiert → an Glencore (Schweiz) verkauft
  • Gewinne fließen nach Schweiz
  • Sambier arbeiten – Glencore profitiert(603)
Das ist strukturell GLEICH wie Versailles:
  • Schulden auferlegt
  • Unbezahlbar
  • Menschen arbeiten, Gläubiger profitieren
3. Ist das in Deutschland/Europa möglich? JA – rechtlich: Art. 125 AEUV (Vertrag über die Arbeitsweise der EU):
„Die Union haftet nicht […] für die Verbindlichkeiten […] der Mitgliedstaaten.“(604)
ABER: Art. 136 Abs. 3 AEUV (seit 2012):
„Die Mitgliedstaaten […] können einen Stabilitätsmechanismus einrichten […] unter der Bedingung, daß sie strenge Auflagen erfüllen.“(605)
„Strenge Auflagen“ = Austerität (Sparmaßnahmen, Privatisierung, Lohnkürzungen). Wenn Deutschland bankrott:
  • ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) könnte „helfen“ – mit Bedingungen
  • Bedingungen könnten sein: Privatisierung (Autobahn, Bahn, Post), Rentenkürzungen, Lohnkürzungen
  • Oder: „Arbeitsleistung“ (Deutsche arbeiten, Gläubiger kassieren)
Rechtliche Grundlage:
  • NICHT Völkerrecht (Deutschland souverän? Fraglich, siehe Kapitel 3)
  • NICHT Handelsrecht (Zwang durch Schulden)
  • Sondern: EU-Recht (AEUV, ESM-Vertrag) – das ist Handelsrecht auf supranationaler Ebene
Tillman Knechtel:
„Schulden sind moderne Sklaverei. Früher schickte man Zwangsarbeiter. Heute nimmt man Renten, Eigentum, Arbeitskraft – durch Schulden. Das System ist dasselbe.“(606)
Wolfgang Effenberger:
„Versailles war Blaupause für heutige Schuldenkrise. Griechenland ist Versailles 2.0. Wenn Deutschland kollabiert, wird es Versailles 3.0.“(607)

E) Wann endeten Reparationen? 2010!

Deutschland zahlte Reparationen: 1919–1932: Zahlungen (Geld, Sachleistungen, Zwangsarbeiter) 1932: Zahlungen gestoppt (Weltwirtschaftskrise, Deutschland pleite, Hitler kam 1933) 1953: Londoner Schuldenabkommen (Schulden reduziert, Zahlungen ausgesetzt bis Wiedervereinigung)(608) 1990: Wiedervereinigung → Zahlungen wieder aufgenommen 3. Oktober 2010: Letzte Rate bezahlt (69,9 Millionen €)(609) DEUTSCHLAND ZAHLTE 91 JAHRE LANG (1919–2010) Gesamtsumme (1919–2010): ~270 Milliarden Goldmark (inflationsbereinigt ~500 Mrd. €)(610) Das ist länger als ein Menschenleben. Thorsten Schulte:
„Drei Generationen Deutscher zahlten für einen Krieg, den sie nicht allein verursachten. Das ist Generationen-Versklavung.“(611)

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