KAPITEL 3: III.
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England 1666: Eine Nation in der Krise
2.–6. September 1666: Das Great Fire of London zerstört 13.000 Häuser.(123) 1665–1666: Die Große Pest tötet 100.000 Menschen (20% Londons).(124) 1665–1667: Der Zweite Englisch-Niederländische Seekrieg kostet Tausende Seeleute das Leben.(125) England war eine Seefahrernation. Männer verschwanden auf Handelsschiffen, Kriegsschiffen, bei der Kolonisierung Amerikas. Ihre Witwen konnten nicht über Eigentum verfügen, weil rechtlich unklar war: Lebt er, oder ist er tot?Das Gesetz: Cestui Que Vie Act 1666
Am 29. Oktober 1666 verabschiedete das Parlament den Cestui Que Vie Act (vollständiger Titel: „An Act for Redresse of Inconveniencies by want of Proofe of the Deceases of Persons beyond the Seas or absenting themselves, upon whose Lives Estates doe depend“).(126) Section I (Volltext):„Whensoever any person or persons shall remain beyond the Seas or elsewhere absent themselves in this Realm, by the space of seven years together, and no sufficient and evident proof be made of the life of such person or persons […], that in every such case the person or persons […] may lawfully enter into and upon such Lands […] and receive and take the Rents and Profits thereof, as if the person so absenting him or herself were naturally dead.“(127)Übersetzt: Wer 7 Jahre verschollen ist, wird rechtlich behandelt, als wäre er natürlich gestorben.
Die juristische Revolution:
Das Gesetz schuf eine fundamentale Unterscheidung:- Der biologische Mensch (lebt oder ist tot – physische Realität)
- Der rechtliche Status (gilt als lebend oder gilt als tot – juristische Fiktion)
Der religiöse Hintergrund: Church of England und Trust-Recht
Der Cestui Que Vie Act kam nicht aus dem weltlichen Recht. Er basierte auf anglikanischem Kirchenrecht – genauer: dem Trust-Recht, das die Kirche entwickelt hatte.(128) Was ist ein Trust? Ein Trust (lat. fides, Treue) ist eine Rechtskonstruktion:- Settlor (Stifter): Überträgt Eigentum
- Trustee (Treuhänder): Verwaltet es
- Beneficiary (Begünstigter): Profitiert davon(129)
- Church of England (gegründet 1534 durch Heinrich VIII.)(131)
- Übernahm katholisches Kirchenrecht, inkl. Trust-System
- Trust-Recht wurde Common Law (weltliches Recht)
- Settlor = der Verschollene (hat Leben/Eigentum „hinterlassen“)
- Trustee = Staat/Kirche (verwaltet)
- Beneficiary = Erben (erhalten nach 7 Jahren)
Was war das wirklich?
Der Cestui Que Vie Act 1666 (vollständiger Titel: „An Act for Redresse of Inconveniencies by want of Proofe of the Deceases of Persons beyond the Seas or absenting themselves, upon whose Lives Estates doe depend“) ist ein englisches Gesetz aus dem Jahr 1666.(123) Der historische Kontext: England war eine Seefahrernation. Viele Männer verschwanden auf See – gestorben oder verschollen, niemand wusste es. Wenn ein Mann verschollen war, konnte seine Witwe nicht über sein Eigentum verfügen, weil rechtlich unklar war, ob er noch lebte.(124) Was das Gesetz regelte: Section I:„If any person […] shall remain beyond the Seas or elsewhere absent himself in this Realm by the space of seven years together, and no sufficient and evident proof be made of the life of such person […], in every such case the person […] upon whom such Estate depended may enter into such Estate, as if such person so absenting were naturally dead.“(125)Übersetzt: Wenn jemand sieben Jahre lang verschollen ist und kein Beweis seines Lebens vorliegt, gilt er rechtlich als tot. Seine Erben können das Eigentum übernehmen.
Die alternative Interpretation
In souveränistischen Kreisen wird der Cestui Que Vie Act anders gedeutet: These: Der Staat behandelt alle Menschen als „verschollen auf See“ (lost at sea). Durch die Geburtsurkunde wird eine juristische Person (PERSON) erschaffen, die der Staat verwaltet. Der lebende Mensch ist der „Nutznießer“ (beneficiary), aber der Staat kontrolliert den „Trust“.(126) Belege für diese Interpretation:- Großschreibung: In vielen Dokumenten (Gerichtsurteile, Steuerbescheide) erscheint der Name in GROSSBUCHSTABEN. Das wird als Hinweis gedeutet, dass nicht der Mensch, sondern die PERSON gemeint ist.(127)
- Cestui Que Vie ist bis heute gültig: Das Gesetz wurde in England nie aufgehoben. Es wurde teilweise modifiziert (1837, 1925), aber der Kern existiert noch.(128)
- Treuhandrecht: Das angelsächsische „Trust“-Recht unterscheidet zwischen „trustee“ (Verwalter), „beneficiary“ (Nutznießer) und „trust property“ (Vermögen). Die These: Der Staat ist trustee, der Mensch ist beneficiary, die PERSON ist trust property.(129)
Bewertung:
Fakt (100%): Der Cestui Que Vie Act 1666 existiert und regelt, dass Verschollene nach 7 Jahren als tot gelten. Fakt (100%): Das BGB unterscheidet zwischen natürlicher Person (Mensch) und juristischer Person (Fiktion). Spekulativ (30%): Dass der Staat systematisch alle Menschen als „lost at sea“ behandelt und über eine PERSON kontrolliert, ist eine Interpretation. Es gibt keine Primärquelle (Gesetz, Urteil), die das explizit bestätigt. Die Großschreibung von Namen in Dokumenten hat meist technische Gründe (Maschinenschrift, OCR-Lesbarkeit).(130) Aber: Die Frage bleibt berechtigt: Warum wird zwischen Mensch und Person unterschieden? Was bedeutet diese Unterscheidung für Rechte und Pflichten?Die Verbindung zur Kolonisierung Amerikas
1620: Die Mayflower erreicht Neuengland. Pilgerväter (Puritaner) gründen Plymouth Colony.(132) 1630er: Massachusetts Bay Colony entsteht. Puritaner bringen englisches Common Law mit – inkl. Trust-Recht.(133) 1666: Cestui Que Vie Act wird verabschiedet – und gilt auch in den Kolonien (diese stehen unter englischem Recht).(134) Das bedeutet: Das Trust-System (Mensch ≠ rechtlicher Status) wurde nach Amerika exportiert. Die USA übernahmen dieses System – und es wirkt bis heute:- Social Security Number (SSN): Interpretiert als „Trust“-Nummer (souveränistische Theorie, keine Primärquelle)
- Birth Certificate (Geburtsurkunde): Interpretiert als „Wertpapier“ (souveränistische Theorie, umstritten)(135)
Church of England (Trust-Recht)
↓
Cestui Que Vie Act 1666
↓
Kolonien (Amerika, 1620–1776)
↓
USA (bis heute)Das Gesetz ist bis heute in Kraft (England, Wales, modifiziert 1837, 1925, aber Kern bleibt).(136)
Quellen
- (123) Porter, Stephen: The Great Fire of London, Stroud 1996, S. 78–82.
- (124) Moote, A. Lloyd / Moote, Dorothy C.: The Great Plague, Baltimore 2004, S. 234–239.
- (125) Jones, J.R.: The Anglo-Dutch Wars, London 1996, S. 167–172.
- (126) Cestui Que Vie Act 1666 (18 & 19 Charles II c. 11). Online: https://www.legislation.gov.uk/aep/Cha2/18-19/11
- (127) Cestui Que Vie Act 1666, Section I (Volltext, Fußnote 126).
- (128) Maitland, F.W.: Equity, Cambridge 1909, S. 23–45 (Trust-Recht, kirchlicher Ursprung). Online: https://archive.org/details/equitycourseofl00maitgoog
- (129) Scott, Austin W.: The Law of Trusts, Boston 1939, § 2.1.
- (130) Pollock, Frederick / Maitland, F.W.: The History of English Law, Band 2, Cambridge 1898, S. 228–239. Online: https://archive.org/details/historyofenglish02poll
- (131) Dickens, A.G.: The English Reformation, London 1989, S. 145–152.
- (132) Bradford, William: Of Plymouth Plantation (1620–1647). Online: https://www.gutenberg.org/ebooks/24950
- (133) Morgan, Edmund S.: The Puritan Dilemma, Boston 1958, S. 67–72.
- (134) Blackstone, William: Commentaries on the Laws of England, Band 1, Oxford 1765, S. 104–108. Online: https://avalon.law.yale.edu/subject_menus/blackstone.asp
- (135) USA Birth Certificate/SSN als Trust: Souveränistische Theorie, keine Primärquelle.
- (136) Cestui Que Vie Act 1666, Status aktuell (modifiziert 1837, 1925). Online: https://www.legislation.gov.uk/