1.2: DER WIENER KONGRESS (1815)
Seiteninhalt
- 1 1.2: DER WIENER KONGRESS (1815)
- 2 Wie die Sieger Deutschland geteilt hielten
- 3 Das größte Friedensfest Europas – und sein wahres Gesicht
- 4 I. Die Ausgangslage: Europa nach Napoleon
- 5 II. Die Akteure und ihre Interessen
- 5.1 Klemens von Metternich (Österreich): Stabilität durch Kontrolle
- 5.2 Alexander I. (Russland): Expansion nach Westen
- 5.3 Robert Stewart Castlereagh (Großbritannien): Schwaches Deutschland
- 5.4 Karl August von Hardenberg (Preußen): Territoriale Gewinne
- 5.5 Charles-Maurice de Talleyrand (Frankreich): Der besiegte Spielverderber
- 6 VIII. Fazit: Ein kalkuliertes Scheitern
- 7 Grafik: Europäische Machtbalance nach dem Wiener Kongress
Wie die Sieger Deutschland geteilt hielten
Nach Napoleons Niederlage trafen sich die Siegermächte in Wien (18. September 1814 – 9. Juni 1815).(97) Die Frage: Sollte Deutschland wiedervereinigt werden? Die Antwort: Nein. 8. Juni 1815: Deutsche Bundesakte unterzeichnet. Es entsteht der Deutsche Bund – ein lockerer Staatenbund aus 39 souveränen Staaten.(98) Warum keine Einheit? Frankreich wollte kein starkes Deutschland an seiner Grenze. Großbritannien wollte ein Gleichgewicht der Mächte (kein Hegemon in Europa). Österreich fürchtete, in einem geeinten Deutschland von Preußen dominiert zu werden. Russland wollte freie Hand in Polen.(99) Resultat: Deutschland blieb 56 Jahre lang gespalten (1815–1871).Das größte Friedensfest Europas – und sein wahres Gesicht
„Der Kongress tanzt“, spottete der Fürst de Ligne im Frühjahr 1815.(44) Wien war zum gesellschaftlichen Mittelpunkt Europas geworden. Bälle, Empfänge, Theateraufführungen – die europäische Aristokratie feierte sich selbst. Vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 verhandelten Diplomaten aus ganz Europa über die Neuordnung des Kontinents nach Napoleon.(45) Offiziell ging es um Frieden, Stabilität, Wiederherstellung der alten Ordnung. Tatsächlich wurde in Wien ein System geschaffen, das Deutschland für weitere 56 Jahre schwach und zersplittert hielt. Nicht aus Versehen. Sondern mit System. Dieses Kapitel untersucht: Was wurde in Wien wirklich beschlossen? Wessen Interessen standen hinter den Kulissen? Und warum entstand kein geeintes Deutschland, obwohl die Chance dazu bestand?I. Die Ausgangslage: Europa nach Napoleon
Ein Kontinent in Trümmern
Als Napoleon im April 1814 nach Elba verbannt wurde, hatte Europa 23 Jahre Krieg hinter sich.(46) Die Verluste waren immens: Etwa 3 Millionen Tote allein in den Napoleonischen Kriegen.(47) Ganze Landstriche waren verwüstet. Staatshaushalte waren bankrott. Die alte feudale Ordnung war erschüttert – aber nicht zerstört. Die Siegermächte – Österreich, Preußen, Russland, Großbritannien – standen vor der Frage: Wie sollte Europa neu geordnet werden? Zwei Prinzipien konkurrierten: Legitimität: Wiederherstellung der alten Herrscherhäuser, die Napoleon gestürzt hatte. Dieses Prinzip vertrat vor allem Klemens von Metternich, der österreichische Außenminister.(48) Machtbalance: Kein Staat sollte so mächtig werden, dass er Europa dominieren konnte. Dieses Prinzip vertrat vor allem Robert Stewart Castlereagh, der britische Außenminister.(49) Deutschland spielte in beiden Prinzipien eine zentrale Rolle. Die Frage war: Sollte Deutschland wiedervereinigt werden?II. Die Akteure und ihre Interessen
Klemens von Metternich (Österreich): Stabilität durch Kontrolle
Metternich war der Architekt des Wiener Kongresses. Sein Ziel: Europa stabilisieren, indem revolutionäre Kräfte unterdrückt und die monarchische Ordnung wiederhergestellt wurden.(50) Für Deutschland bedeutete das: kein einheitlicher Nationalstaat. Warum? Ein geeintes Deutschland unter preußischer Führung hätte Österreich marginalisiert. Ein geeintes Deutschland unter österreichischer Führung hätte Preußen provoziert. Also schlug Metternich vor: 39 souveräne Staaten, lose verbunden im Deutschen Bund, unter österreichischem Vorsitz.(51)Alexander I. (Russland): Expansion nach Westen
Zar Alexander I. wollte Russlands Einfluss in Mitteleuropa ausweiten. Er forderte die Annexion des Großteils Polens. Im Gegenzug unterstützte er Preußens Ansprüche auf Sachsen.(52) Ein starkes, vereintes Deutschland war nicht in seinem Interesse – es hätte Russlands Westgrenze blockiert.Robert Stewart Castlereagh (Großbritannien): Schwaches Deutschland
Großbritannien hatte eine klare Strategie: Kontinentaleuropa sollte balanciert bleiben. Kein Hegemon – weder Frankreich noch Russland noch ein geeintes Deutschland – durfte dominant werden.(53) Ein zersplittertes Deutschland erfüllte diesen Zweck perfekt. Es war stark genug, um Frankreich zu begrenzen, aber zu schwach, um selbst eine Bedrohung zu sein.Karl August von Hardenberg (Preußen): Territoriale Gewinne
Preußen hatte in den Befreiungskriegen gegen Napoleon eine entscheidende Rolle gespielt. Hardenberg forderte Kompensation: Sachsen sollte preußisch werden.(54) Doch Österreich, Russland und sogar Frankreich wehrten sich. Am Ende erhielt Preußen nur Teile Sachsens sowie das Rheinland und Westfalen – Gebiete, die wirtschaftlich wertvoll, aber geografisch vom Kernland Preußen getrennt waren.(55)Charles-Maurice de Talleyrand (Frankreich): Der besiegte Spielverderber
Frankreich war der Verlierer, doch sein Diplomat Talleyrand war ein Meister der Intrige. Er schürte Misstrauen zwischen den Siegern – insbesondere zwischen Österreich und Preußen wegen der Sachsen-Frage.(56) Sein Ziel: Frankreich als Gleichgewichtsmacht zurück auf die europäische Bühne bringen. Und: ein schwaches Deutschland aufrechterhalten.VIII. Fazit: Ein kalkuliertes Scheitern
Der Wiener Kongress wird in Geschichtsbüchern oft als Meisterwerk der Diplomatie gefeiert. Und tatsächlich: Europa erlebte nach 1815 fast 100 Jahre ohne großen Krieg (bis 1914).(80) Doch dieser Frieden hatte einen Preis: Deutschland blieb schwach, gespalten, unfrei. Die Chance auf Einheit wurde vertan – nicht aus Zufall, sondern weil die Großmächte es so wollten. Wieder stellt sich die Frage: Wem nützte das? Frankreich und Großbritannien behielten ein berechenbares, schwaches Mitteleuropa. Österreich sicherte seine Vormachtstellung im Bund. Russland expandierte nach Westen. Die deutschen Fürsten behielten ihre Throne. Und die Banker? Sie finanzierten alles: Krieg, Frieden, Wiederaufbau. Egal was geschah – sie verdienten an den Zinsen. Das Muster wiederholt sich.Grafik: Europäische Machtbalance nach dem Wiener Kongress
WIENER KONGRESS (1815)
Ziel: Machtbalance
↓
┌───────┴───────┐
FRANKREICH DEUTSCHER BUND RUSSLAND
begrenzt 39 Staaten expandiert
schwach
↓
ÖSTERREICH (Vorsitz)
kontrolliert Mitteleuropa
↓
Ergebnis: Deutschland unfähig zu einheitlicher Politik
Profiteure: Großmächte + Banker (Wiederaufbaukredite)Quellen
- (97) Preußische Verfassung 1850 enthielt Grundrechte (Art. 3–42), aber auf Reichsebene fehlten sie. Volltext: https://www.documentarchiv.de/ksr/1850/verfassungs-urkunde-preussen.html
- (98) Paulskirchenverfassung (Frankfurter Reichsverfassung), 28. März 1849. Volltext in: Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Band 9, Frankfurt 1849, S. 6745–6780. Online: https://www.documentarchiv.de/ksr/1849/paulskirchenverfassung.html
- (99) Paulskirchenverfassung 1849, §§ 130–189 (wie Fußnote 98).
- (44) De Ligne, Charles-Joseph: Zitat überliefert in: Mémoires et mélanges historiques et littéraires, Paris 1827, Band 1, S. 256.
- (45) Wiener Kongress, 18. September 1814 – 9. Juni 1815. Schlussakten in: Actes du Congrès de Vienne, Wien 1815, 9 Bände. Online (Österreichische Nationalbibliothek): https://www.onb.ac.at/
- (46) Kraehe, Enno E.: Metternich’s German Policy, Volume II: The Congress of Vienna, 1814-1815, Princeton 1983, S. 3–8. Online: https://press.princeton.edu/books/hardcover/9780691653051/metternichs-german-policy-volume-ii
- (47) Clodfelter, M.: Warfare and Armed Conflicts: A Statistical Encyclopedia of Casualty and Other Figures, 1492-2015, 4. Auflage, Jefferson 2017, S. 186 (Napoleonische Kriege: 2,5–3,5 Mio. Tote).
- (48) Siemann, Wolfram: Metternich: Stratege und Visionär, München 2016, S. 478–485. Online: https://www.chbeck.de/siemann-metternich/product/16339
- (49) Schroeder, Paul W.: The Transformation of European Politics 1763-1848, Oxford 1994, S. 517–523 (Castlereagh’s Strategie). Online: https://global.oup.com/academic/product/the-transformation-of-european-politics-1763-1848-9780198221364
- (50) Kissinger, Henry: A World Restored: Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace, 1812-1822, Boston 1957, S. 146–151. Online: https://www.simonandschuster.com/books/A-World-Restored/Henry-Kissinger/9781439191453
- (51) Metternich an Kaiser Franz I., 12. Oktober 1814, in: Aus Metternichs nachgelassenen Papieren, herausgegeben von Richard Metternich, Wien 1880, Band 1, S. 234–237.
- (52) Webster, Charles K.: The Congress of Vienna 1814-1815, London 1919, S. 89–95 (Russland-Polen-Sachsen-Frage). Online (Archive.org): https://archive.org/details/congressofvienna00websuoft
- (53) Schroeder (1994), S. 531–535 (Britische Balance-Politik).
- (54) Deutsche Bundesakte, 8. Juni 1815, in: Martens, Nouveau Recueil de Traités, Band II, Göttingen 1817, S. 379–398. Online: https://catalog.hathitrust.org/Record/008698014
- (55) Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866: Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 298–302 (Preußische Gebietsgewinne).
- (56) Talleyrand, Charles-Maurice de: Mémoires du Prince de Talleyrand, Paris 1891, Band 2, S. 234–241 (Sachsen-Intrige). Online (Gallica): https://gallica.bnf.fr/
- (80) Clark, Christopher: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914, London 2012, S. 1–3 (100 Jahre relativer Frieden 1815–1914). Online: https://www.penguin.co.uk/books/178/178852/the-sleepwalkers/9780141027821.html