Wie Deutschland in den Krieg getrieben, von Bankern finanziert, durch Balfour verkauft und mit Reparationen versklavt wurde
Vorwort zu diesem Kapitel
Dieses Kapitel ist das umfangreichste des gesamten Buches – aus gutem Grund. Der Erste Weltkrieg war
nicht das Ende einer Ära. Er war der
Beginn einer neuen Weltordnung:
- Das Ende der Monarchien (Deutschland, Österreich, Russland, Osmanisches Reich)
- Der Aufstieg der USA zur Weltmacht
- Die Geburt des Zionismus als politische Kraft (Balfour-Deklaration → Israel 1948)
- Die Etablierung der Federal Reserve als globale Finanzmacht
- Die Transformation von Kriegen in Geschäftsmodelle (Banker finanzieren beide Seiten)
- Die Erfindung der Reparationen als Versklavungsinstrument (Deutsche zahlten bis 2010!)
Und: Der Erste Weltkrieg schuf den Zweiten Weltkrieg (Versailles → Hitler).
Das Muster, das 1914 begann, wirkt bis heute:- Kriege werden von denselben finanziert, die von ihnen profitieren
- Staaten verschulden ihre Bürger, um Kriege zu finanzieren
- Verlierer werden nicht nur militärisch besiegt, sondern wirtschaftlich versklavt
- Menschen werden zu Pfand für Schulden (Reparations-Zwangsarbeiter 1919–1924)
Dieses Kapitel zeigt die Mechanismen – damit Sie erkennen, wenn sie sich wiederholen.
I. EUROPA VOR 1914 – Das Pulverfass
A) Deutschland wird zur Bedrohung: Die wirtschaftliche Überholung Englands
1871: Deutschland wird geeint. Das Kaiserreich entsteht unter Bismarck.(383)
1871–1914: Deutschland erlebt ein beispielloses
Wirtschaftswunder:
Stahlproduktion – Der Schlüsselindikator industrieller Macht:
| Jahr | Deutschland (Mio. Tonnen) | England (Mio. Tonnen) | Verhältnis |
|---|
| 1870 | 1,3 | 5,9 | England 4,5x größer |
| 1890 | 4,1 | 8,0 | England 2x größer |
| 1900 | 6,3 | 5,0 | Deutschland überholt! |
| 1913 | 17,6 | 7,7 | Deutschland 2,3x größer |
Deutschland verdoppelte England – in nur 13 Jahren (1900–1913).(384)
Weitere Indikatoren:
Kohleförderung (1913):- Deutschland: 277 Millionen Tonnen
- England: 292 Millionen Tonnen (Deutschland fast gleichauf)(385)
Chemische Industrie:- BASF, Bayer, Hoechst: 90% der weltweiten Farbstoffproduktion (Grundlage für Pharma, Textilien)(386)
- Haber-Bosch-Verfahren (1909): Synthetische Ammoniaksynthese → Düngemittel, Sprengstoffe (Deutschland unabhängig von Salpeter-Importen)(387)
Elektrotechnik:- Siemens, AEG: Weltmarktführer (Elektrizität, Telegrafie, Elektromotoren)(388)
Außenhandel (1913):- Deutschland: Zweitgrößte Exportnation (nach England, vor USA)
- Deutsche Exporte: 10,1 Milliarden Mark
- Englische Exporte: 13,9 Milliarden Mark (Deutschland holte auf)(389)
BIP pro Kopf (1913):- Deutschland: 3.648 $ (internationale Dollar, 1990er Preise)
- England: 4.921 $
- ABER: Deutschland wuchs schneller (+2,8% p.a. vs. +1,0% England)(390)
Prognose (wenn Trend fortgesetzt): Deutschland würde England bis 1920–1925 überholen – wirtschaftlich, industriell, politisch.
Für England war das eine existenzielle Bedrohung.Wolfgang Effenberger: „Europas Verhängnis 14/18“ (2014)
Effenberger (deutscher Historiker, Major a.D.) schreibt:„Deutschland war 1914 der dynamischste Wirtschaftsraum Europas. Die deutsche Industrie bedrohte Englands Welthandelsmonopol. Der Krieg war für England präventiv – Deutschland musste zerstört werden, bevor es zu mächtig wurde.“(391)
Effenberger zeigt:- England fürchtete nicht deutsche Armee (war kleiner als französische)
- England fürchtete deutsche Wirtschaft + deutsche Flotte (Bedrohung für Seehandel)
- Lösung: Krieg, um Deutschland zu schwächen
Bewertung: 90% plausibel. Cui bono? England profitierte wirtschaftlich vom Niedergang Deutschlands.
B) Die koloniale Frage: „Platz an der Sonne“
Deutschland kam spät zur Kolonialpolitik. Während England, Frankreich, Spanien, Portugal bereits seit dem 16. Jahrhundert Kolonien hatten, begann Deutschland erst
1884 (Berliner Konferenz).(392)
Deutsche Kolonien (1914):- Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia): 835.000 km²
- Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi): 995.000 km²
- Kamerun: 790.000 km²
- Togo: 87.000 km²
- Deutsch-Neuguinea: 240.000 km²
- Kiautschou (China, Pachtgebiet): 552 km²
- Pazifische Inseln (Samoa, Marshall-Inseln, etc.): 2.600 km²
Gesamtfläche: 2,95 Millionen km²
Bevölkerung: ~12 Millionen (fast nur Einheimische, ca. 24.000 Deutsche Siedler)(393)
Vergleich:- Britisches Empire: 33 Millionen km², 400 Millionen Menschen
- Französisches Kolonialreich: 10 Millionen km², 48 Millionen Menschen(394)
Deutschland hatte 11x weniger Kolonialfläche als England – aber wollte mehr. Kaiser Wilhelm II. (1896, Kruger-Telegramm-Krise):„Deutschland braucht seinen Platz an der Sonne.“(395)
Was das bedeutete:- Deutschland wollte Kolonien (Rohstoffe: Kupfer, Kautschuk, Öl)
- England/Frankreich sahen das als Bedrohung (Wettbewerb um Afrika, Asien, Pazifik)
Tillman Knechtel: „Die Rothschilds“ (2012) Knechtel (deutscher Autor) argumentiert:„Die Kolonialfrage war ein Vorwand. England hatte kein Problem mit deutschen Kolonien – sondern mit deutscher Wirtschaftskraft. Kolonien waren Symptom, nicht Ursache.“(396)
Knechtel zeigt:- Deutsche Kolonien waren wirtschaftlich unbedeutend (Zuschussgeschäft, kosteten mehr als sie einbrachten)(397)
- England’s Angst war: Deutschland + Osmanisches Reich + Bagdad-Bahn = Zugang zu Öl (Persien, Irak)(398)
- Bagdad-Bahn (Berlin–Istanbul–Bagdad): Deutsches Projekt, würde England’s Suezkanal umgehen
Bewertung: 85% plausibel. Kolonien waren Nebenschauplatz. Bagdad-Bahn + Wirtschaft = Hauptbedrohung.
C) Die Flottenrüstung: Tirpitz vs. Royal Navy
1897: Admiral Alfred von Tirpitz wird Staatssekretär des Reichsmarineamts.(399)
Tirpitz-Plan:- Deutschland baut Hochseeflotte (Schlachtschiffe, Kreuzer)
- Ziel: Zweitgrößte Flotte der Welt (nach England)
- Risiko-Theorie: Wenn deutsche Flotte groß genug, würde England nicht angreifen (zu riskant, könnte eigene Flotte verlieren)(400)
Flottengesetze: 1. Flottengesetz (1898): 19 Schlachtschiffe, 12 Kreuzer(401)
2. Flottengesetz (1900): 38 Schlachtschiffe (Verdopplung!)(402)
Novelle 1906: Weitere Verstärkung (Reaktion auf HMS Dreadnought)(403)
Das Wettrüsten: 1906: England baut
HMS Dreadnought – revolutionäres Schlachtschiff:
- 10 schwere Kanonen (30,5 cm)
- Dampfturbine (21 Knoten – schneller als alle bisherigen)
- Schwere Panzerung
- Machte alle älteren Schlachtschiffe obsolet(404)
Resultat: Wettrüsten beginnt von neuem (alle Nationen bauen Dreadnoughts).
Dreadnought-Vergleich (1914):| Land | Dreadnought-Schlachtschiffe | Schlachtkreuzer | Gesamt |
|---|
| England | 20 | 9 | 29 |
| Deutschland | 13 | 7 | 20 |
England behielt Vorsprung – ABER Deutschland holte auf.(405)
Kosten:- Deutschland: ~1 Milliarde Goldmark (1898–1914)(406)
- England: ~2 Milliarden Pfund (verdoppelte Budget)(407)
Winston Churchill (1912, Erster Lord der Admiralität):„Die deutsche Flotte ist für Deutschland ein Luxus. Die britische Flotte ist für England eine Notwendigkeit. Wir können ohne Kolonien leben – aber nicht ohne unsere Flotte.“(408)
Übersetzung: England ist Insel, abhängig von Seehandel. Ohne Flotte → verhungert. Deutschland ist Landmacht. Flotte = unnötig.
England’s Botschaft: Deutschland soll
keine Flotte haben.
Thorsten Schulte („Silberjunge“): „Fremdbestimmt“ (2019) Schulte (deutscher Ökonom, Bestseller-Autor) schreibt:„Die Flottenrüstung war Deutschlands größter Fehler. Sie provozierte England unnötig. Deutschland hätte auf Landmacht setzen sollen – die Flotte war Prestigeprojekt ohne strategischen Wert.“(409)
ABER: Schulte zeigt auch:
„England suchte Vorwand für Krieg. Hätte Deutschland keine Flotte gebaut, hätten sie anderen Grund gefunden. Die Wirtschaftskraft Deutschlands war die Bedrohung – nicht die Flotte.“(410)
Bewertung: Beide wahr. Flotte war Fehler (provozierte). ABER England wollte Krieg sowieso (wegen Wirtschaft).
D) Die Bündnissysteme: Europa teilt sich
Bismarck (1871–1890) hatte Deutschland abgesichert: 1879: Zweibund (Deutschland + Österreich-Ungarn, defensiv)(411)
1882: Dreibund (+ Italien, defensiv)(412)
1887: Rückversicherungsvertrag mit Russland (geheim, Neutralität bei Angriff Dritter)(413)
Bismarck’s Strategie:- Frankreich isolieren (Revanche für 1871 verhindern)
- Russland neutral halten (Zweifrontenkrieg vermeiden)
- England nicht provozieren (keine Kolonial-/Flottenkonkurrenz)
1890: Wilhelm II. entlässt Bismarck.
Rückversicherungsvertrag wird nicht verlängert.(414)
Folge: Russland wendet sich Frankreich zu (beide anti-deutsch).
1894: Französisch-Russische Allianz (militärisch, gegen Deutschland)(415)
Deutschland war jetzt eingekesselt: Frankreich im Westen, Russland im Osten. England blieb zunächst neutral („splendid isolation“) – bis: 1904: Entente Cordiale (England + Frankreich, koloniale Streitfragen geklärt)(416)
1907: Triple Entente (England + Frankreich + Russland, informell)(417)
Europa war geteilt: Mittelmächte:- Deutschland
- Österreich-Ungarn
- (Italien nominell im Dreibund, wechselte 1915 Seiten)
Entente:- Frankreich
- Russland
- England (informell, bis 1914 kein formelles Bündnis)
Wolfgang Effenberger:„Die Bündnissysteme waren Automatismen. Ein Funke genügte – und ganz Europa explodierte. Das war kein Zufall. England orchestrierte die Einkreisung Deutschlands.“(418)
Effenberger zeigt:- England vermittelte zwischen Frankreich/Russland (finanzierte russische Aufrüstung)(419)
- England provozierte Deutschland (Flottenrüstung, koloniale Krisen: Marokko 1905, 1911)(420)
- Ziel: Deutschland isolieren, dann im richtigen Moment zuschlagen
Bewertung: 80% plausibel. Bündnissysteme waren Falle – Deutschland saß drin.
E) Der Schlieffen-Plan: Deutschland plant für den Zweifrontenkrieg
Problem: Deutschland zwischen Frankreich (Westen) und Russland (Osten). Bei Krieg: Zweifrontenkrieg (Alptraum).
Lösung: Schlieffen-Plan (General Alfred von Schlieffen, 1905).(421)
Die Idee:- Schneller Angriff auf Frankreich (durch Belgien, Umgehung französischer Festungen Verdun/Toul)
- Frankreich in 6 Wochen besiegen (bevor Russland mobilisiert)
- Truppen nach Osten verlegen (gegen Russland)
Annahmen:- Russland braucht 6 Wochen Mobilmachung (rückständig, langsam)
- Belgien leistet keinen ernsthaften Widerstand
- England greift nicht ein (Belgien-Neutralität egal für England)
Alle drei Annahmen waren falsch:- Russland mobilisierte schneller (Eisenbahn ausgebaut)
- Belgien wehrte sich heftig (verzögerte deutschen Vormarsch)
- England trat sofort ein (wegen Belgien-Neutralität)
Das Paradoxe: Der Schlieffen-Plan
zwang Deutschland, als erstes anzugreifen (Mobilmachung = Angriff).
Das machte Deutschland im Nachhinein zum „Aggressor“ – egal wer den Krieg begann.
Effenberger:„Der Schlieffen-Plan war Falle. Deutschland war eingekesselt – also plante es präventiven Angriff. Das war genau, was England wollte: Deutschland als Aggressor darstellen.“(422)