NAPOLEON UND DAS ENDE DES HEILIGEN RÖMISCHEN REICHES (1806)
II. Napoleon Bonaparte – Aufstieg eines Katalysators
Vom General zum Kaiser
Napoleon Bonaparte kam nicht aus dem Nichts. Die Französische Revolution (1789–1799) hatte das Königtum gestürzt und Frankreich ins Chaos gestürzt. Robespierre führte die Terrorherrschaft, Tausende starben unter der Guillotine.(15) In diesem Vakuum machte ein junger korsischer General Karriere. Am 9. November 1799 führte Napoleon einen Staatsstreich durch und wurde „Erster Konsul“ – faktisch Diktator.(16) Fünf Jahre später, am 2. Dezember 1804, krönte er sich selbst zum „Kaiser der Franzosen“. Nicht der Papst setzte ihm die Krone auf, wie es Karl dem Großen widerfahren war. Napoleon nahm die Krone und setzte sie sich eigenhändig aufs Haupt.(17) Die Symbolik war unmissverständlich: Seine Macht stammte nicht von Gott, nicht von der Kirche, sondern von ihm selbst.
Die Napoleonischen Kriege (1792–1806)
Frankreich unter Napoleon führte mehrere Kriege gegen das Reich:
1792–1797: Erste Koalition. Frankreich erobert linkes Rheinufer.(87)
1801: Frieden von Lunéville. Österreich muss linkes Rheinufer an Frankreich abtreten.(88)
1803: Reichsdeputationshauptschluss. Auf französischen Druck werden kirchliche Territorien aufgelöst (Säkularisation), kleine Reichsstädte verlieren Selbstständigkeit (Mediatisierung). Von 300+ Territorien bleiben ~60.(89)
1805: Schlacht bei Austerlitz (2. Dezember). Napoleon vernichtet österreichisch-russische Armee. Im
Frieden von Pressburg (26. Dezember) muss Österreich massive Gebietsverluste hinnehmen. Bayern, Württemberg, Baden werden souveräne Königreiche – unter Napoleons Schutz.(90)
12. Juli 1806: Rheinbund gegründet. 16 deutsche Fürsten treten aus dem Reich aus, stellen sich unter Napoleons Protektorat.(91)
6. August 1806: Kaiser Franz II. legt die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder.(92)
„Wir erklären hiermit, daß Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen […] und die von Uns getragene deutsche Kaiserkrone und die kaiserliche Regierung niederlegen.“(93)
Das Reich endete – nach 1006 Jahren.Die offizielle Mission – und die Realität
Offiziell zog Napoleon aus, um Europa die Ideale der Französischen Revolution zu bringen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Er präsentierte sich als Befreier vom Feudalismus.(18) Faktisch verfolgte er französische Hegemonie. Er wollte Europa unter französischer Kontrolle vereinen und dabei vor allem ein Ziel erreichen: Deutschland schwach halten. Ein starkes, geeintes Deutschland hätte Frankreich eingekreist – zwischen Rhein und russischer Grenze. Ein zersplittertes Deutschland hingegen war beherrschbar. Napoleons Strategie hieß deshalb: Teile und herrsche. Deutschland sollte in Vasallenstaaten aufgeteilt werden, die von französischer Gunst abhängig waren.
Die Kriege gegen das Reich
Von 1792 bis 1806 führte Frankreich mehrere Koalitionskriege gegen das Reich:
- Erste Koalition (1792–1797): Frankreich erobert das linke Rheinufer.
- Zweite Koalition (1799–1802): Napoleon besiegt Österreich bei Marengo (1800). Im Frieden von Lunéville (1801) muss Österreich das linke Rheinufer an Frankreich abtreten.(19)
- Dritte Koalition (1805): Österreich und Russland verbünden sich gegen Frankreich. Am 2. Dezember 1805 vernichtet Napoleon ihre Armeen in der Schlacht bei Austerlitz. Der anschließende Frieden von Pressburg (26. Dezember 1805) demütigt Österreich: Territorien gehen verloren. Bayern, Württemberg und Baden werden zu souveränen Königreichen erhoben – unter Napoleons Schutzherrschaft.(20)
Das Reich war damit faktisch tot. Es fehlte nur noch der formale Akt.
Warum tat Napoleon das?
- Strategisch: Ein geeintes Deutschland hätte Frankreich eingekreist (94). Für ein zersplittertes Deutschland war das unmöglich.
- Finanziell: Napoleon brauchte Geld für seine Kriege. Die deutschen Rheinbund-Staaten zahlten Tribute. Deutsche Soldaten kämpften für Frankreich.(95)
Quellen
- (15) Furet, François: Penser la Révolution française, Paris 1978. Deutsche Ausgabe: 1789 – Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Frankfurt 1980, S. 98–112 (Terrorherrschaft).
- (16) Tulard, Jean: Napoléon ou le mythe du sauveur, Paris 1977. Deutsche Ausgabe: Napoleon oder Der Mythos des Retters, Tübingen 1982, S. 67–73 (18. Brumaire).
- (17) Lentz, Thierry: Le Grand Consulat 1799-1804, Paris 1999, S. 498–502 (Kaiserkrönung 2.12.1804).
Online (Bibliothek): https://www.histoire-empire.org/
- (87) Frieden von Campo Formio, 17. Oktober 1797. Online: https://www.napoleon-series.org
- (88) Frieden von Lunéville, 9. Februar 1801. Online: https://archive.org/details/corpsuniverseld00dufogoog
- (89) Reichsdeputationshauptschluss, 25. Februar 1803. Online: https://www.bundesarchiv.de/
- (90) Frieden von Pressburg, 26. Dezember 1805. Online: https://catalog.hathitrust.org/Record/008698014
- (91) Rheinbundakte, 12. Juli 1806. Online: https://catalog.hathitrust.org/Record/008698014
- (92) Proklamation Franz II., 6. August 1806. Online: https://www.oesta.gv.at/
- (93) Proklamation Franz II., 6. August 1806 (Volltext, Fußnote 92).
- (18) Broers, Michael: Europe Under Napoleon, London 2015, S. 45–52 (Ideologie vs. Realität). Online: https://yalebooks.yale.edu/book/9780340760123/europe-under-napoleon/
- (19) Frieden von Lunéville, 9. Februar 1801, Volltext in: Corps universel diplomatique du droit des gens, Tome VIII, Amsterdam 1726–1731, S. 456–478.
Online (Archive.org): https://archive.org/details/corpsuniverseld00dufogoog
- (20) Frieden von Pressburg, 26. Dezember 1805, Volltext in: Martens, Recueil des Traités, Göttingen 1818, S. 389–402.
Online: https://catalog.hathitrust.org/Record/008698014
- (94) Tulard, Jean: Napoleon, Tübingen 1982, S. 234–237.
- (95) Planert, Ute: Der Mythos vom Befreiungskrieg, Paderborn 2007, S. 234–237. (96) Ferguson, Niall: The House of Rothschild, New York 1998, S. 98–106. Online: https://www.penguinrandomhouse.com/books/298783/ (