DEUTSCHE KRIEGSGEFANGENE NACH 1945

Deutsche Kriegsgefangene nach 1945

VORBEMERKUNG – Was belastbar ist

Deutsche Kriegsgefangene wurden nach 1945 nicht einfach „befreit“, sondern millionenfach in Lager, Arbeitskommandos, Hunger, Kälte, Krankheit, Zwangsarbeit, politische Instrumentalisierung und langjährige Abwesenheit überführt. Besonders sowjetische Gefangenschaft war für sehr viele tödlich; westalliierte Lager, insbesondere die Rheinwiesenlager, waren zumindest zeitweise katastrophal. Aber: Nicht jede zugespitzte Aussage des Textes trägt bereits. Die These einer einheitlichen, alliierten Vernichtungspolitik gegen deutsche Kriegsgefangene ist nach dem bisher geprüften Material nicht bewiesen. Belastbar ist etwas anderes – und schärfer, weil unangreifbarer:
Nach Kriegsende entstand ein System nachmilitärischer Verfügungsgewalt über besiegte Menschen, in dem deutsche Gefangene je nach Gewahrsamsmacht als Sicherheitsrisiko, Arbeitskraft, Reparationsmasse, politisches Druckmittel oder humanitäres Problem behandelt wurden.
Die Recherchemethodik verlangt Primärquellen, Volltextprüfung, Kontextprüfung, Cross-Check und Bewertung jeder These in Stufen von Fakt bis unbelegt; sie nennt ausdrücklich Bundesarchiv, NARA, FRUS, Yale Avalon, Bundestag, Archive.org und andere Datenbanken als Arbeitsorte. Genau in diesem Raster habe ich die erste Vertiefung angesetzt. (MICHA BRAUN)

DER GROSSE KONTEXT – Der Krieg endete nicht für alle am 8. Mai

Der 8. Mai als politisches Ende, nicht als menschliches Ende

  • Fakt (100 %): Die militärische Kapitulation beendete die Kampfhandlungen in Europa, aber nicht das Leiden der Menschen, die in Gefangenschaft, Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit, Lazaretten, Lagern oder unter Besatzungsverwaltung standen. Für viele deutsche Soldaten begann nach dem Zusammenbruch der Wehrmacht eine zweite Phase des Leidens: nicht mehr Front, aber Lager; nicht mehr Artillerie, aber Hunger; nicht mehr Befehl zum Angriff, aber Befehl zum Arbeiten, Warten, Überleben.
  • Fakt (100 %): Das Bundesarchiv nennt für sowjetischen Gewahrsam insgesamt 3,2 bis 3,6 Millionen deutsche Kriegsgefangene und rund 2 Millionen überlebende Heimkehrer. Das allein zeigt die Dimension: Es geht nicht um Randfälle, sondern um ein Massenschicksal, das in Millionen Familien hineinwirkte. (Stasi-Unterlagen-Archiv)
  • Blutzoll: Hinter jeder Zahl steht eine zerrissene Familienlinie: Frauen ohne Nachricht, Kinder ohne Vater, Eltern ohne Grab, Gemeinden ohne junge Männer, Heimkehrer mit Tuberkulose, Frostschäden, Hungerödemen, Schuldgefühlen, Albträumen und jahrzehntelangem Schweigen. Das ist nicht „deutsche Opferkonkurrenz“, sondern menschliche Wirklichkeit.

Der notwendige Kontext: deutsche Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen

  • Fakt (100 %): Der Kontext darf nicht fehlen: Das US Holocaust Memorial Museum beschreibt die nationalsozialistische Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener als Teil des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion, einschließlich massenhafter Tötung, Hunger, Krankheit und systematischer Entrechtung. (Holocaust-Enzyklopädie)
  • Fakt (95–100 %): Die bpb verweist darauf, dass die meisten sowjetischen Gefangenen in deutscher Hand in den ersten beiden Jahren nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion starben; zugleich betont sie ausdrücklich, dass das spätere Schicksal befreiter sowjetischer Gefangener in stalinistischen Lagern die deutschen Verbrechen nicht relativiert. (bpb.de)
  • Interpretation (95 %): Dieser Kontext erklärt Härte, Rache, politische Instrumentalisierung und moralische Verrohung nach 1945 teilweise – aber er entschuldigt keine Misshandlung. Wer Menschenwürde ernst nimmt, darf weder sowjetische Tote gegen deutsche Tote aufrechnen noch deutsche Tote gegen sowjetische Tote. Der Maßstab bleibt: Der wehrlose Mensch in Gefangenschaft verliert nicht seine Würde.

DIE SOWJETISCHE GEFANGENSCHAFT – Der größte Blutzoll

Zahlenkorridor und Quellenlage

  • Fakt (95–100 %): Für sowjetischen Gewahrsam nennt das Bundesarchiv 3,2 bis 3,6 Millionen deutsche Kriegsgefangene und rund 2 Millionen Heimkehrer. Der DRK-Suchdienst verweist auf die Digitalisierung von mehr als zwei Millionen Gefangenenakten deutscher Kriegsgefangener und Zivilinternierter aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv sowie auf mehr als fünf Millionen Karteikarten zu deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. (Stasi-Unterlagen-Archiv)
  • Fakt (90 %): Die Bundestags-Wissenschaftlichen Dienste zeigen zugleich, warum Zahlen auseinanderlaufen: Je nach Definition werden Kriegsgefangene, Zivilisten, Internierte, Frauen, Männer, Registrierte, Nichtregistrierte, Heimkehrer, Vermisste und Verstorbene unterschiedlich gezählt. Die Ausarbeitung nennt etwa 2,3 bis 2,8 Millionen Deutsche, die zwischen 1941 und 1956 gefangen genommen, verschleppt und in Lagern, Gefängnissen oder Arbeitsbataillonen registriert wurden; später verweist sie auf NKWD-Statistiken mit 3.486.206 registrierten Kriegsgefangenen insgesamt, darunter rund 2,3 Millionen Deutsche.
  • Bewertung: Die scheinbare Differenz zwischen „3,2–3,6 Millionen“ und „2,3 Millionen registrierte Deutsche“ ist kein zwingender Widerspruch, sondern eine Definitionsfrage. Entscheidend für das Buch: Nicht eine einzige absolute Zahl behaupten, sondern den Zahlenkorridor transparent machen.

Lager, Arbeit, Hunger, Kälte

  • Fakt (95–100 %): Die Bundestagsausarbeitung beschreibt für die sowjetischen Lager außergewöhnlich prekäre Bedingungen: provisorische Lager, fehlende Gebäude, mangelhafte Lebensmittelversorgung, Kleidung, Heizmaterial, Transportmittel, schlechter körperlicher Zustand der Gefangenen, verwundete und kranke Internierte ohne ausreichende Ausrüstung und oft weite Fußmärsche zu Aufnahmepunkten. Für Stalingrad/Woronesch wird erwähnt, dass etwa 40.000 gegnerische Soldaten dringend medizinische Behandlung benötigten.
  • Fakt (95 %): Ab 1945 wurden deutsche Kriegsgefangene in großem Umfang für die sowjetische Volkswirtschaft eingesetzt; die Bundestagsausarbeitung nennt zwischen 1943 und Ende 1949 insgesamt 1.077.564.200 Mann-Tage Arbeit von Kriegsgefangenen für die Sowjetunion, wovon wegen des Anteils der Deutschen knapp zwei Drittel auf deutsche Gefangene entfallen dürften.
  • Interpretation (95 %): Das war keine normale Kriegsgefangenschaft mehr im engen militärischen Sinn. Es war ein Nachkriegssystem aus Sicherheitsgewahrsam, Vergeltung, Reparationsarbeit und Wiederaufbauzwang. Der Gefangene wurde nicht primär als Mensch behandelt, sondern als erschöpfbare Ressource.

Stalingrad als Symbol des maximalen Blutzolls

  • Fakt (100 %): Das DHM/LeMO nennt rund 90.000 deutsche Soldaten, die nach Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten; bis 1956 kehrten nur rund 6.000 Überlebende nach Deutschland zurück. (Deutsches Historisches Museum (DHM))
  • Blutzoll: Stalingrad ist nicht nur eine militärische Niederlage. Es ist ein menschlicher Trichter: Einschließung, Hunger, Erfrierungen, Verwundungen, Typhus, Zusammenbruch, Marsch, Lager, Tod, späte Heimkehr weniger Überlebender. Wer hier nur „Wehrmacht“ sagt, löscht den Menschen aus; wer hier nur „Opfer“ sagt, löscht den Kriegskontext aus. Die Wahrheit liegt in der Zumutung, beides gleichzeitig auszuhalten.

DIE WESTALLIIERTEN LAGER – Katastrophe, Rechtsgrau, aber keine „vermisste Million“

Rheinwiesenlager

  • Fakt (100 %): Der Volksbund nennt für die Rheinwiesenlager im Frühjahr und Sommer 1945 rund 2 Millionen deutsche Kriegsgefangene, die sich der US-Armee ergeben hatten. Die meisten lagen auf blanker Erde, mussten Schlaflöcher graben, und die Versorgung mit Lebensmitteln und Medizin war besonders anfangs katastrophal. (volksbund.de)
  • Fakt (95–100 %): Derselbe Volksbund nennt seriöse Schätzungen von 5.000 bis 40.000 Toten in angloamerikanischer Gefangenschaft und erklärt ausdrücklich, für die angebliche „vermisste Million“ gezielt getöteter deutscher Soldaten gebe es keine seriösen Belege. (volksbund.de)
Bewertung:
  • Fakt (100 %): Rheinwiesenlager waren real, groß, hart, teils katastrophal.
  • Fakt (95 %): Menschen starben dort an Hunger, Krankheit, Verwundung, Auszehrung, Exposition und Versorgungskollaps. Nicht belastbar (<30 %): Eine westalliierte millionenfache Vernichtung deutscher Gefangener als bewiesenes Programm.

Die amerikanische Verwaltungskrise

  • Fakt (95 %): Eine offizielle US-Army-Medical-History beschreibt, dass nach dem Rheinübergang Anfang 1945 die Zahl der Gefangenen „almost overwhelming“ wurde; allein First, Third und Ninth U.S. Army nahmen im März, April und Mai 1945 zusammen über 2,1 Millionen Gefangene. Dieselbe Quelle beschreibt, dass Zahlenmeldungen teils widersprüchlich waren und die Verwaltung mit den Massen an Gefangenen an Grenzen stieß. (achh.army.mil)
  • Interpretation (90 %): Das entlastet die Verantwortlichen nicht moralisch, aber es verhindert eine falsche Monokausalität. Die westalliierte Lagerkatastrophe entstand aus mehreren Faktoren: Massengefangenschaft, zerstörter Infrastruktur, Ernährungskrise, Sicherheitsdenken, logistischer Überforderung, politischer Härte und der Entscheidung, deutsche Gefangene am Ende der Versorgungskette stehen zu lassen.

DEF/SEP-Status und Genfer Konvention

  • Fakt (95 %): Eine Analyse in Military Affairs beschreibt, dass Amerikaner und Briten viele deutsche Gefangene als „Disarmed Enemy Forces“ bzw. vergleichbare Kategorien einstuften, um die volle Genfer-Konventions-Pflicht zur Verpflegung als POWs zu umgehen; SHAEF ordnete für nicht arbeitende Gefangene 1.500 Kalorien pro Tag und für arbeitende 2.900 Kalorien an, wobei im August 1945 medizinische Symptome wie Beriberi und Pellagra festgestellt wurden. (jstor.org)
  • Fakt (95 %): Das britische Hansard-Protokoll von 1946/47 bestätigt die rechtliche Grauzone: Nach deutscher Kapitulation habe man die Genfer Konvention nicht in allen Punkten anwenden können, weil Situationen entstanden seien, die beim Abfassen nicht vorgesehen waren; zugleich habe es seit dem 14. Mai 1945 keine Schutzmacht mehr gegeben, nachdem die Schweiz nach britischer Darstellung die Vertretung deutscher Interessen beendet hatte. (hansard.parliament.uk)
Bewertung:
  • Fakt (95 %): Es gab eine gezielte Statusverschiebung und Schutzlücken.
  • Interpretation (90 %): Diese Statusverschiebung war ein machtpolitischer Hebel, um Versorgungspflichten, Kontrolle und Arbeitsverwendung flexibler zu handhaben.
  • Spekulation (30–50 %): Daraus allein folgt noch kein bewiesener Vernichtungsplan.

FRANKREICH – Gefangenschaft als Wiederaufbauökonomie

Fast eine Million deutsche Gefangene in Frankreich

  • Fakt (95–100 %): Fabien Théofilakis’ Dissertation über deutsche Kriegsgefangene in französischer Hand nennt fast eine Million deutsche Kriegsgefangene, die zwischen Ende 1944 und Ende 1948 in Frankreich festgehalten wurden. Er beschreibt diese Gefangenschaft ausdrücklich als Übergang von einer militärischen zu einer ökonomischen Frage: Die Gefangenen wurden vor allem als Arbeitskraft für den Wiederaufbau Frankreichs beansprucht.
  • Fakt (90–95 %): Théofilakis beschreibt außerdem, dass etwa 70 % der von Frankreich verwalteten Gefangenen von den Amerikanern überstellt worden waren, während die USA die Verantwortung als Gewahrsamsmacht behalten wollten. Das macht Frankreich nicht zum alleinigen Verantwortlichen; es zeigt ein transatlantisches System arbeitsteiliger Nachkriegsverwaltung.

Vom Feind zum Arbeiter

  • Fakt (90–95 %): Hanna Diamond beschreibt für ländliche französische Räume, dass über eine halbe Million deutsche Kriegsgefangene zwischen 1944 und 1948 für den Wiederaufbau eingesetzt wurden, mehr als die Hälfte davon in der Landwirtschaft. In vielen Orten wandelte sich die Wahrnehmung schrittweise: aus dem Feind wurde ein Arbeitsmensch, aus dem Gefangenen ein fremder Mann im Dorf, aus der abstrakten Wehrmacht ein konkretes Gesicht. (the University of Bath’s research portal)
  • Blutzoll: Das ist menschlich besonders wichtig. Der deutsche Gefangene war für viele Franzosen nicht nur ein Mensch, sondern auch das sichtbare Symbol der Besatzung, der Niederlage Frankreichs, der Zwangsarbeit, der Deportationen, der getöteten Angehörigen. Gleichzeitig war er selbst nun wehrlos, hungrig, abhängig, häufig sehr jung, manchmal krank, manchmal gebrochen. In diesem Spannungsfeld entscheidet sich, ob Nachkrieg zu Rache oder zu neuer Menschlichkeit wird.

HEIMKEHR 1955/56 – Gefangene als politisches Pfand

  • Fakt (100 %): Adenauers Moskaureise 1955 führte zur sowjetischen Zusage, die letzten 9.626 noch zurückgehaltenen Kriegsgefangenen freizulassen; bpb beschreibt dies als zentrales Element der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. (bpb.de)
  • Interpretation (95 %): Damit wurden deutsche Kriegsgefangene bis in die Mitte der 1950er Jahre hinein zu einem geopolitischen Faustpfand. Sie waren nicht nur Menschen mit Namen, sondern Verhandlungsmasse im frühen Kalten Krieg: Bonn wollte Heimkehr und innenpolitische Entlastung; Moskau wollte diplomatische Anerkennung und die faktische Stabilisierung des Status quo in Europa.
  • Blutzoll: Für Familien bedeutete das zehn Jahre Schwebezustand. Zehn Jahre ohne Gewissheit, ob der Sohn, Mann, Bruder, Vater lebt. Zehn Jahre mit Briefen, Suchdienst, Gerüchten, Heimkehrerlisten, falschen Hoffnungen, Trauer ohne Grab. Der Kalte Krieg begann nicht nur in Ministerien; er begann auch am Küchentisch.

DIE ZAHLENFRAGE – Warum der Ausgangstext überarbeitet werden muss

„Bis zu 9 Millionen Wehrmachtstote“

Nicht belastbar in dieser Form. Rüdiger Overmans kommt für deutsche militärische Gesamtverluste auf rund 5,3 Millionen. Sein Beitrag zu den Menschenverlusten der Wehrmacht an der Ostfront erklärt zudem, warum Wehrmachtmeldungen ab Ende 1944 methodisch schwierig werden: Einheiten wurden zerschlagen, Meldungen blieben aus, Verluste konnten nicht mehr sauber zugeordnet werden. (Stiftung Sächsische Gedenkstätten)
Bessere Formulierung: „Die Verlustzahlen der Wehrmacht sind ab Ende 1944 besonders schwer zu rekonstruieren; die heute maßgebliche Forschung liegt für die deutschen militärischen Toten insgesamt bei rund 5,3 Millionen, während ältere oder politisch aufgeladene Extremschätzungen höher liegen.“

„Bis zu 1,1 Millionen starben in Sibirien“

Teilweise belastbar, aber falsch zugespitzt. Belastbar ist der Größenraum sehr hoher Nichtheimkehrer- und Todeszahlen in sowjetischem Gewahrsam. Unsauber ist die Verkürzung auf „Sibirien“ und die Vermischung von Kriegsgefangenen, Internierten, Zivilverschleppten, Vermissten, Registrierten und Nichtregistrierten.
Bessere Formulierung: „In sowjetischem Gewahrsam überlebten Hunderttausende deutsche Kriegsgefangene und Internierte nicht; die Quellenlage bewegt sich je nach Definition in einem hohen sechsstelligen bis etwa millionennahen Bereich der Nichtheimkehrer. Die Todesorte lagen im gesamten sowjetischen Lager-, Transport- und Arbeitskomplex, nicht nur in Sibirien.“

„Systematisch organisierte stille Exekution“

Als juristische Tatsachenbehauptung zu stark. Belegt sind hohe Sterblichkeit, Zwangsarbeit, Mangelversorgung, Lagerelend, Gewalt, Transporte und politische Instrumentalisierung. Nicht belegt ist bisher eine flächendeckende schriftliche Vernichtungsanweisung der Alliierten gegen deutsche Kriegsgefangene als Gruppe.
Bessere Formulierung: „Die Bedingungen wirkten für unzählige Gefangene tödlich. In sowjetischem Gewahrsam verbanden sich Vergeltung, Zwangsarbeit, politische Härte, Kälte, Hunger, Krankheit und mangelhafte Versorgung zu einem System, das für Hunderttausende den Tod bedeutete. Ob und wo daraus im Einzelfall vorsätzliche Tötung, billigend in Kauf genommener Tod, grobe Fahrlässigkeit oder organisatorisches Versagen wurde, muss nach Gewahrsamsmacht, Lager, Zeitraum und Aktenlage getrennt geprüft werden.“

CUI BONO – Wer profitierte?

Sowjetunion

  • Fakt (95 %): Deutsche Gefangene wurden massiv als Arbeitskräfte für den sowjetischen Wiederaufbau eingesetzt; die Bundestagsausarbeitung nennt über eine Milliarde Mann-Tage Kriegsgefangenenarbeit bis Ende 1949.
  • Interpretation (95 %): Der Nutzen lag in Arbeitskraft, Reparationsersatz, politischer Kontrolle und symbolischer Vergeltung. Der Mensch wurde zur nachträglichen Ressource des Siegers.

Frankreich

  • Fakt (95 %): Frankreich hielt fast eine Million deutsche Kriegsgefangene bis Ende 1948; die Gefangenschaft wurde zu einem ökonomischen Phänomen des Wiederaufbaus.
  • Interpretation (90 %): Frankreich profitierte von Arbeitskraft in Landwirtschaft, Bergbau, Räumung, Infrastruktur und Wiederaufbau. Zugleich stand Frankreich selbst unter dem Trauma deutscher Besatzung, materieller Zerstörung und innerer Nachkriegsspannungen.

USA und Großbritannien

  • Fakt (90–95 %): Die USA und Großbritannien standen vor gigantischen Gefangenenzahlen, zerstörter Infrastruktur und Ernährungskrise; zugleich nutzten sie Statuskategorien wie DEF/SEP, um die volle POW-Logik der Genfer Konvention zu umgehen oder zu begrenzen. (achh.army.mil)
  • Interpretation (90 %): Der Nutzen lag weniger in direkter Ausbeutung als in logistischer Entlastung, Sicherheitskontrolle, Vermeidung zusätzlicher Versorgungslasten und geordneter Besatzungsverwaltung.

BLUTZOLL – Die Menschen hinter den Akten

Der gefangene Soldat

Er ist nicht nur „Wehrmacht“. Er ist 18, 22, 34 oder 48 Jahre alt. Er kann überzeugter Nationalsozialist gewesen sein, Mitläufer, Zwangsrekrutierter, Familienvater, Bauernsohn, Sanitäter, Funker, Koch, Schlosser, Lehrer, Arbeiter. Für das Recht auf menschenwürdige Behandlung darf diese Biografie nicht entscheidend sein.

Die Familie

Der Blutzoll endet nicht im Lager. Er läuft weiter in den Familien: Suchanzeigen, Vermisstenmeldungen, Heimkehrerzüge, späte Briefe, Fremdheit am Küchentisch, Männer, die nach zehn Jahren zurückkommen und nicht mehr sprechen können. Kinder wachsen mit einer Leerstelle auf; Frauen tragen Arbeit, Hunger, Besatzungsalltag, Scham, Trauer und Überlebensorganisation.

Die ehemaligen Opfer der Deutschen

Auch die andere Seite bestand aus Menschen: sowjetische Familien mit Millionen Toten, französische Familien nach Besatzung und Deportation, befreite Zwangsarbeiter, KZ-Überlebende, Kriegsversehrte, hungernde Zivilisten. Diese Menschen sahen im deutschen Gefangenen oft nicht zuerst den hilflosen Menschen, sondern den Vertreter einer Gewalt, die ihre Welt zerstört hatte.

Die moralische Kernfrage

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wer hat zuerst gelitten?“ Die entscheidende Frage lautet:
Was macht eine Ordnung mit dem wehrlosen Menschen, sobald sie ihn vollständig in ihrer Macht hat?
Hier liegt der Anschluss an das Tributsystem: Gefangenschaft nach 1945 war nicht nur Rache und Chaos. Sie war auch Verwaltung von Menschen als Masse: registrieren, klassifizieren, transportieren, verfüttern oder nicht verfüttern, arbeiten lassen, zurückhalten, tauschen, entlassen, verschweigen.

VORLÄUFIGES GESAMTURTEIL

  • Fakt (100 %): Deutsche Kriegsgefangene nach 1945 sind ein großes, reales und oft verdrängtes Massenschicksal. Besonders sowjetische Gefangenschaft forderte einen extrem hohen Blutzoll. Rheinwiesenlager und andere westalliierte Lager waren keine Legende, sondern reale Orte schweren Leidens. (Stasi-Unterlagen-Archiv)
  • Fakt (95 %): Es gab rechtliche Grauzonen und Schutzlücken: Wegfall der Schutzmacht, eingeschränkte oder verspätete humanitäre Kontrolle, Statusverschiebungen wie DEF/SEP, unterschiedliche Anwendung der Genfer Konvention, Ernährungskrise und politische Instrumentalisierung. (hansard.parliament.uk)
  • Interpretation (90 %): Das System nach 1945 behandelte deutsche Gefangene in vielen Fällen nicht primär als Rechtssubjekte, sondern als Sicherheitsrisiko, Arbeitskraft, Reparationsmasse, politisches Pfand oder logistisches Problem.
  • Spekulation / nicht ausreichend belegt (<30–50 %): Eine einheitliche, dokumentierte alliierte Gesamtstrategie zur physischen Vernichtung deutscher Kriegsgefangener ist nach dem bisher geprüften Material nicht bewiesen. Die Bacque-/„Other Losses“-These einer westlichen „vermissten Million“ bleibt stark umstritten und wird von maßgeblichen Gegenanalysen wegen Fehlinterpretation von Statistik und Akten massiv zurückgewiesen. (HNN)

ADLER-REFLEXION

Die stärkste Linie für dein Buch ist nicht: „Die Sieger waren genauso wie die Besiegten.“ Das wäre moralisch und historisch angreifbar. Die stärkste Linie ist:
Der besiegte Mensch wurde nach 1945 vielfach nicht als unantastbarer Mensch behandelt, sondern als verwaltbare Masse.
Genau dort liegt die eigentliche Systemkritik. Nicht im Aufrechnen der Schuld, sondern im Nachweis, dass moderne Machtapparate auch nach dem moralisch legitimierten Sieg dazu neigen, Menschen in Kategorien zu zerlegen: Gefangener, Arbeitskraft, Risiko, Nummer, Austauschobjekt, Kostenfaktor, Störfall. Damit wird das Kapitel nicht revisionistisch, sondern radikal humanistisch. Es sagt:
Deutsche Schuld wird nicht gelöscht. Deutsches Leid wird nicht gelöscht. Sowjetisches Leid wird nicht gelöscht. Französisches Leid wird nicht gelöscht. Der Mensch bleibt Mensch – gerade dann, wenn er dem Sieger ausgeliefert ist.

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