DER ANTIFASCHISTISCHE SPIEGEL

DER ANTIFASCHISTISCHE SPIEGEL

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Wie die DDR mit der NS-Vergangenheit umging: Aufarbeitung, Staatsmythos, Verdrängung und die verschlossene Akte des eigenen Schattens

WARUM DIE DDR NICHT EINFACH „EHRLICHER“ WAR

Die Frage nach dem Umgang der DDR mit der NS-Vergangenheit führt direkt in einen der kompliziertesten Räume deutscher Nachkriegsgeschichte. Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig: Die DDR nannte sich antifaschistisch, enteignete alte Eliten, verfolgte NS-Täter, stellte kommunistischen Widerstand ins Zentrum und warf der Bundesrepublik vor, ehemalige Nationalsozialisten in Justiz, Verwaltung, Parteien und Wirtschaft weiterwirken zu lassen. Ein Teil davon war wahr. Aber genau darin liegt die Gefahr. Eine Halbwahrheit ist besonders wirksam, wenn ihr wahrer Kern stark genug ist. Die DDR konnte reale westdeutsche Kontinuitäten benennen und gleichzeitig eigene Kontinuitäten, eigene Schuldabwehr, eigene politische Justiz, eigenen Antisemitismus, eigene rechtsextreme Milieus und eigene Herrschaftsinteressen verdecken.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die DDR erklärte die Bewältigung der NS-Vergangenheit im Kern durch die „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ der Jahre 1945 bis 1949 für erledigt. Der Nationalsozialismus sei im Osten beseitigt worden; die eigentlichen Kontinuitäten lägen im Westen. (1)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: In der Sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR wurden tatsächlich viele frühere NS-Funktionsträger aus Ämtern entfernt, Eigentumsstrukturen verändert, NS- und Kriegsverbrechen verfolgt und antifaschistische Widerstandstraditionen institutionell aufgewertet. (2), (3)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Der DDR-Antifaschismus war deshalb weder reine Lüge noch reine Wahrheit. Er war ein Herrschaftsmythos mit realem Material. Er beruhte auf echten antifaschistischen Biografien, echten Opfern des Nationalsozialismus und echten Maßnahmen gegen alte Eliten, wurde aber zugleich zur Selbstentlastung des SED-Staates benutzt.
Dieses Kapitel behandelt die DDR daher nicht als Gegenbild zur Bundesrepublik, sondern als zweiten deutschen Nachkriegsversuch. Die Bundesrepublik integrierte alte Eliten oft offen-pragmatisch und verdrängte moralisch. Die DDR erklärte die eigene Gesellschaft ideologisch für gereinigt, integrierte aber ebenfalls Belastete und verschloss die Akten dort, wo sie das eigene Selbstbild beschädigt hätten.

DER GRÜNDUNGSMYTHOS: „WIR SIND DER ANTIFASCHISTISCHE STAAT“

Antifaschismus als Staatslegitimation

Die DDR baute ihre politische Identität nicht auf individueller Schuldprüfung auf, sondern auf einer kollektiven Gegenerzählung. Diese Erzählung lautete: Im Westen hätten Kapital, Monopole, alte Nazis und restaurative Kräfte den Faschismus überlebt; im Osten dagegen hätten Arbeiterklasse, Kommunisten, Antifaschisten und Sowjetunion den Faschismus zerschlagen. Die DDR war damit nicht nur ein Staat, sondern der angeblich moralisch bessere deutsche Staat.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Antifaschismus war Staatsdoktrin der DDR und außenpolitische Existenzberechtigung. Der SED-Staat begründete sich wesentlich damit, die Lehren aus dem Nationalsozialismus konsequent gezogen zu haben. (1)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Diese Staatsdoktrin erfüllte mehrere Funktionen zugleich. Sie stabilisierte die SED-Herrschaft. Sie delegitimierte die Bundesrepublik. Sie band die DDR moralisch an die Sowjetunion. Und sie entlastete die eigene Bevölkerung, indem sie Schuld stärker auf Klassenfeinde, Kapitalisten, westdeutsche Eliten und Faschisten „drüben“ projizierte.

Die politische Logik des „guten Deutschlands“

Im DDR-Narrativ gab es zwei Deutschlands. Das eine war der Westen: kapitalistisch, reaktionär, von alten Nazis durchsetzt, gefährlich und latent faschistisch. Das andere war der Osten: sozialistisch, friedliebend, antifaschistisch und historisch gereinigt. Diese Gegenüberstellung war propagandistisch stark, weil sie an reale westdeutsche Belastungen anknüpfen konnte.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Westdeutsche NS-Kontinuitäten in Justiz, Verwaltung, Ministerien und Parteien waren real. Die DDR musste sie nicht erfinden, um sie propagandistisch nutzen zu können. (1), (2)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Genau das machte die DDR-Erzählung so wirksam. Sie konnte mit dem Finger auf echte Schuldpunkte des Westens zeigen und dadurch die eigene Prüfung umgehen. Wahrheit wurde nicht erfunden, sondern selektiv eingesetzt.

Der Preis der Staatsdoktrin

Wenn ein Staat sich selbst als antifaschistisch definiert, ohne die eigene Gesellschaft offen prüfen zu lassen, entsteht ein gefährlicher blinder Fleck. Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus, autoritäre Prägungen und ehemalige NS-Biografien können dann nicht mehr als eigenes Problem erscheinen. Sie müssen entweder verschwiegen, umetikettiert oder dem Westen zugeschoben werden.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Der gefährlichste Satz der DDR war nicht: „Wir sind gegen Faschismus.“ Dieser Satz war legitim. Der gefährlichste Satz war: „Weil wir antifaschistisch sind, kann Faschismus bei uns nicht existieren.“

DIE TATSÄCHLICHE ENTNAZIFIZIERUNG IN DER SBZ/DDR

Härter als im Westen – aber nicht automatisch gerechter

In der Sowjetischen Besatzungszone kam es zu einschneidenden Maßnahmen. Frühere NSDAP-Mitglieder wurden aus Verwaltungen entfernt, Eliten enteignet, Großgrundbesitz aufgeteilt, Industriebetriebe unter staatliche Kontrolle gebracht, Kriegsverbrecher verfolgt und Speziallager eingerichtet. Die sowjetische Besatzungsmacht und die SED wollten den alten Machtkörper nicht einfach weiterverwenden, wie es in der Bundesrepublik vielfach geschah.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die SBZ/DDR ging in bestimmten Bereichen härter gegen frühere NS-Eliten vor als die westlichen Besatzungszonen. (2), (3)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Diese Härte hatte zwei Seiten. Einerseits wurden tatsächliche Täter, Funktionäre und Profiteure getroffen. Andererseits wurden Entnazifizierung, Klassenkampf, Eigentumsumbau und politische Machtsicherung miteinander vermischt.

SMAD-Befehl 201 und die gerichtliche Verfolgung

Mit dem SMAD-Befehl Nr. 201 von 1947 erhielt die Verfolgung von NS- und Kriegsverbrechen in der SBZ eine neue Struktur. Deutsche Gerichte sollten stärker einbezogen werden, Kriegsverbrechen verfolgen und die Einordnung von Belasteten vornehmen. In der Theorie war das ein Schritt zur juristischen Bearbeitung. In der Praxis wurde das Verfahren zunehmend von politischen Interessen, SED-Einfluss und sowjetischer Machtlogik überlagert.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Der SMAD-Befehl 201 sollte die Verfolgung von Kriegsverbrechen und die Entnazifizierung in der SBZ vereinheitlichen und den deutschen Gerichten eine stärkere Rolle geben. (3)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die SBZ-Entnazifizierung war nicht einfach rechtsstaatliche Aufklärung. Sie war auch ein Instrument zur Neuordnung der Macht. Der Nationalsozialismus wurde verfolgt, aber zugleich wurde aus der Verfolgung eine politische Waffe gegen reale und vermeintliche Gegner des neuen Systems.

Die Waldheimer Prozesse als Schlüsselbeispiel

Die Waldheimer Prozesse von 1950 stehen exemplarisch für die dunkle Seite dieser Politik. Mutmaßliche NS- und Kriegsverbrecher wurden in über 3.400 Schnellverfahren verurteilt. Die Verfahren dauerten teilweise nur wenige Minuten. 24 Todesurteile wurden vollstreckt. Diese Prozesse gelten bis heute als Beispiel politischer Justiz, in der Rechtsstaatlichkeit massiv verletzt wurde. (2)
  • FAKT – Belastbarkeit: sehr hoch: Die Waldheimer Prozesse waren Massenverfahren mit stark eingeschränkter Rechtsstaatlichkeit; 24 Todesurteile wurden vollstreckt. (2)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Hier zeigt sich der zentrale Unterschied zwischen Gerechtigkeit und politischer Abrechnung. Dass unter den Angeklagten tatsächliche Täter gewesen sein konnten, rechtfertigt keine Verfahren, in denen Schuld nicht individuell, sorgfältig und rechtsstaatlich geprüft wird.

Speziallager und sowjetische Machtpolitik

Die sowjetischen Speziallager dienten nicht nur der Internierung von NS-Belasteten. Ab 1947 gerieten zunehmend auch tatsächliche oder vermeintliche Gegner der sowjetischen Besatzungsmacht und der gesellschaftlichen Neuordnung ins Visier. Damit verschob sich die Funktion: Aus Entnazifizierung wurde teilweise Sowjetisierung.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: In den Speziallagern wurden nicht nur NS-Belastete interniert, sondern auch politische Gegner oder als Gegner betrachtete Menschen. Ein erheblicher Teil der Häftlinge starb an Hunger oder Krankheit. (2)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die DDR konnte sich später als konsequent antifaschistisch darstellen, aber ein Teil dieser „Konsequenz“ beruhte auf sowjetischer Willkür, politischer Haft und fehlender rechtsstaatlicher Kontrolle. Auch das gehört zur Wahrheit.

DIE SED UND DIE EHEMALIGEN NAZIS

Der unbequeme Kern: Auch die SED integrierte ehemalige NSDAP-Mitglieder

Der offizielle DDR-Antifaschismus erzeugt leicht den Eindruck, ehemalige Nazis hätten im SED-Staat keinen Platz gehabt. Das stimmt so nicht. Bereits 1946 öffnete sich die SED unter bestimmten Bedingungen für ehemalige Nationalsozialisten. Entscheidend war nicht allein die frühere Biografie, sondern die neue Loyalität zum sozialistischen Aufbau. (4)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die SED hob 1946 ein früheres Unvereinbarkeitsprinzip auf, wonach ehemalige NSDAP-Mitglieder nicht in die SED eintreten durften. Ehemalige Nationalsozialisten konnten aufgenommen werden, wenn sie als Mitläufer galten und loyal zur neuen Ordnung standen. (4)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Das zeigt: Der DDR-Antifaschismus war politisch funktional. Nicht jede frühere NS-Biografie führte zum Ausschluss; entscheidend war, ob die betreffende Person in den neuen Machtaufbau passte.

Die Zahlenfrage – und warum wir vorsichtig sein müssen

Bei den Zahlen zu ehemaligen NSDAP-Mitgliedern in der SED gibt es unterschiedliche Angaben, je nachdem, ob nur frühere NSDAP-Mitgliedschaft gezählt wird, ob Kandidaten mitgerechnet werden, ob NS-Gliederungen einbezogen werden, ob Bezirke oder Gesamtpartei betrachtet werden und welche Quelle zugrunde liegt. Deshalb ist hier besondere Vorsicht nötig.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Eine Kurzinformation der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages nennt für Anfang 1954 in der SED 96.844 Mitglieder, also 8,6 Prozent, sowie 9.533 Kandidaten, also 9,3 Prozent, die früher der NSDAP angehört hatten. In einzelnen Bezirken lagen die Werte höher: Magdeburg 12,5 Prozent, Erfurt 15,4 Prozent. Bei Einbeziehung früherer Zugehörigkeit zu NS-Gliederungen sowie HJ und BDM werden für Magdeburg 26,5 Prozent und für Erfurt 35,8 Prozent genannt. (4)
  • FAKT – Belastbarkeit: mittel bis hoch: Ein bpb-Beitrag zur Stasi und Neonazis zitiert für 1954 eine Berechnung des Historikers Jan Foitzik, wonach 27 Prozent aller SED-Mitglieder zuvor in der NSDAP gewesen seien und 32,2 Prozent der Angestellten im öffentlichen Dienst der DDR ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen gewesen seien. (5)
KORREKTUR / EINORDNUNG – Belastbarkeit: hoch: Diese Angaben stehen in Spannung zueinander. Ohne zusätzliche Prüfung der jeweiligen Berechnungsgrundlage sollte die engere Bundestagsangabe von 8,6 Prozent ehemaliger NSDAP-Mitglieder in der SED 1954 als vorsichtigere Mindestlinie verwendet werden. Die höheren Werte zeigen aber, dass bei breiterer Definition von NS-Vergangenheit – also NS-Gliederungen, HJ, BDM, öffentlicher Dienst, regionale Spitzenwerte – die Belastung deutlich größer erscheinen kann.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Entscheidend ist nicht, ob die eine oder andere Prozentzahl als alleinige Wahrheit genommen wird. Entscheidend ist: Die SED war nicht frei von ehemaligen Nationalsozialisten. Der antifaschistische Staat integrierte ebenfalls Belastete und Mitläufer, nur unter anderen politischen Vorzeichen.

Loyalität als Entlastung

Im Westen konnte eine belastete Biografie oft durch Fachwissen, Antikommunismus, Verwaltungserfahrung oder politische Nützlichkeit entschärft werden. Im Osten geschah etwas Ähnliches, aber mit anderer Sprache: Wer sich loyal zum Sozialismus bekannte, am Aufbau teilnahm und nicht als Hauptschuldiger galt, konnte wieder integriert werden.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Das Muster ist systemisch interessant. Beide deutschen Staaten nutzten Entlastungsformeln. Im Westen hieß sie oft Wiederaufbau, Fachkräftebedarf, Westbindung und Antikommunismus. Im Osten hieß sie antifaschistische Umwälzung, Mitläuferregelung, Klassenstandpunkt und Loyalität zum Sozialismus.

DIE NDPD: DAS KONTROLLIERTE SAMMELBECKEN

Domestizierung statt Ausschluss

Ein besonders wichtiger Baustein war die National-Demokratische Partei Deutschlands, kurz NDPD. Sie gehörte zum DDR-Blockparteiensystem und diente unter anderem dazu, ehemalige NSDAP-Mitglieder, frühere Wehrmachtsoffiziere, national orientierte Milieus und konservative Kreise in kontrollierte Bahnen zu lenken. Die SED domestizierte also bestimmte alte Milieus, statt sie vollständig auszuschließen.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die bpb beschreibt, dass die SED mittlere und kleinere Nazis in einer eigens dafür geschaffenen national-demokratischen Blockpartei „domestizierte“. (1)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Das war keine offene demokratische Integration, sondern kontrollierte Einbindung. Der Unterschied zur Bundesrepublik lag nicht darin, dass die DDR keine alten Milieus aufnahm. Der Unterschied lag darin, dass sie diese Milieus unter SED-Führung blockpolitisch einhegte.

Der Nutzen für den SED-Staat

Die NDPD erfüllte mehrere Funktionen. Sie konnte ehemaligen Nationalsozialisten und nationalen Milieus eine politische Heimat geben, ohne ihnen echte Machtfreiheit zuzugestehen. Sie vermittelte zugleich nach außen den Eindruck politischer Vielfalt. Innerhalb des Systems stabilisierte sie die SED-Herrschaft, weil sie potenziell gefährliche Milieus kanalisiert statt offen bekämpft wurden.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die NDPD war damit ein politischer Filter. Sie machte aus Altlasten verwaltbare Loyalitätsressourcen. Nicht die Wahrheit über die Vergangenheit stand im Mittelpunkt, sondern die Nutzbarkeit für die Gegenwart.

ERINNERUNGSKULTUR

Buchenwald, kommunistischer Widerstand und der verdrängte Holocaust

Der kommunistische Widerstand als Hauptbühne

Die DDR stellte den kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ins Zentrum ihrer Erinnerungskultur. Buchenwald wurde zum Symbolort. Denkmäler, Gedenktafeln, Schulunterricht, Kunst und Staatsrituale verankerten das Bild eines heroischen antifaschistischen Kampfes. Diese Erinnerung war nicht frei erfunden: Kommunisten waren tatsächlich verfolgt, inhaftiert und ermordet worden. Viele hatten unter realem Risiko Widerstand geleistet.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die DDR machte Orte wie Buchenwald zu zentralen Gedächtnisorten des kommunistischen Widerstands. (1)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Das Problem lag nicht darin, den kommunistischen Widerstand zu erinnern. Das Problem lag darin, ihn zur dominierenden Erzählung zu machen, die andere Opfergruppen und andere Dimensionen des Nationalsozialismus überlagerte.

Der Holocaust passte nicht ins Klassenschema

Der Nationalsozialismus war nicht nur Faschismus als Herrschaft des Monopolkapitals. Er war auch ein rassistisches, antisemitisches Vernichtungsprojekt. Der industrielle Massenmord an den europäischen Juden war sein spezifischer Zivilisationsbruch. Genau dieser Kern wurde in der DDR-Erinnerung nicht angemessen ins Zentrum gestellt, weil er schwer in das marxistisch-leninistische Klassenschema passte. (1)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die bpb beschreibt, dass die ostdeutsche Erinnerung den spezifischen Vernichtungsantisemitismus des Nationalsozialismus nicht angemessen ins Zentrum rückte, weil der Holocaust nicht in das Klassenschema passte. (1)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Das ist einer der schwersten Punkte. Die DDR war antifaschistisch, aber sie war nicht in gleichem Maße holocaustzentriert. Sie erinnerte Verfolgung, Lager und Widerstand, aber sie universaliserte den Nationalsozialismus häufig als „Faschismus“ und schwächte damit die Spezifik des antisemitischen Vernichtungsprogramms.

Opferhierarchien

In der DDR standen politische Widerstandskämpfer, besonders kommunistische, im Zentrum. Jüdische Opfer, Sinti und Roma, Homosexuelle, religiöse Gruppen, sogenannte Asoziale, Zwangsarbeiter und andere Opfergruppen konnten dadurch in den Hintergrund geraten. Das bedeutet nicht, dass sie völlig verschwiegen wurden. Es bedeutet, dass der Staat eine politische Hierarchie der Erinnerung schuf.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Erinnerung ist nie nur Rückblick. Sie ordnet Gegenwart. Wer bestimmte Opfergruppen in den Mittelpunkt stellt und andere randständig behandelt, entscheidet auch darüber, welche Art von Moral die Gesellschaft lernen soll.

DDR, JUDEN, ISRAEL UND ANTIZIONISMUS

Antifaschismus ohne volle jüdische Anerkennung

Die DDR bekannte sich offiziell zum Antifaschismus, tat sich aber lange schwer mit materieller Wiedergutmachung und besonderer Verantwortung gegenüber jüdischen Opfern und Israel. Im Gegensatz zur Bundesrepublik, die 1952 mit Israel und jüdischen Organisationen das Luxemburger Abkommen schloss, lehnte die DDR umfassende Haftungspflichten lange ab. Die Begründung lautete sinngemäß: Die DDR sei der antifaschistische deutsche Staat und daher nicht Träger der Schuld des alten Deutschlands. (1), (8)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die DDR lehnte lange eine besondere Haftung gegenüber Israel beziehungsweise jüdischen Opfern ab und begründete dies mit ihrem antifaschistischen Selbstbild. (1), (8)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Hier wurde Antifaschismus zur Schuldabwehr. Wer sich selbst zum Sieger über den Faschismus erklärt, muss sich nicht mehr als Nachfolgestaat eines Tätervolkes befragen lassen.

Antizionismus als ideologische Staatslinie

Die DDR entwickelte eine stark antiisraelische und antizionistische Außenpolitik. Israel wurde im Kalten Krieg zunehmend als westlicher, imperialistischer, aggressiver Staat dargestellt. Diese Politik war eingebettet in die Nahostpolitik des Ostblocks und die Unterstützung arabischer Staaten und palästinensischer Organisationen. (8), (9)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die staatliche Politik der DDR war zeitweise antisemitisch beziehungsweise bediente sich in antiisraelischen Kampagnen offen antisemitischer Stereotype. Zugleich war Antisemitismus nicht das einzige oder stets bestimmende ideologische Motiv; Kalter Krieg, Antizionismus, Antiimperialismus und Staatsinteressen spielten ebenfalls eine Rolle. (8), (9)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Auch hier ist Präzision nötig. Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber die DDR verband Antiimperialismus, Schuldabwehr und Feindbildpolitik so, dass antiisraelische Propaganda immer wieder in antisemitische Muster kippen konnte.

Die späte Wende vor dem Ende

Erst in den späten 1980er Jahren begann die SED-Führung, ihr Verhältnis zu Judentum, jüdischen Organisationen und Israel aus pragmatischen Gründen zu korrigieren. Es ging um internationale Anerkennung, Beziehungen zu den USA, ökonomische Interessen und die Hoffnung, die deutsche Zweistaatlichkeit zu stabilisieren. 1990 bat die demokratisierte Volkskammer schließlich auch Israel und Juden um Verzeihung für Heuchelei, Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber Israel und die Verfolgung beziehungsweise Entwürdigung jüdischer Mitbürger nach 1945. (10)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die späte DDR beziehungsweise die erste frei gewählte Volkskammer bekannte sich 1990 deutlicher zur historischen Verantwortung und bat auch für die offizielle DDR-Politik gegenüber Israel um Verzeihung. (10)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Diese späte Korrektur bestätigt indirekt, dass zuvor etwas nicht stimmte. Ein Staat, der sich vier Jahrzehnte als antifaschistisch legitimiert hatte, musste am Ende einräumen, dass sein Umgang mit jüdischem Leben und Israel nicht einfach moralisch überlegen gewesen war.

RECHTSEXTREMISMUS IN DER DDR: WAS NICHT EXISTIEREN DURFTE

Der Mythos der nazifreien Gesellschaft

Im offiziellen Selbstbild der DDR war Rechtsextremismus ein westliches Problem. Nazis waren Kapitalisten, Militaristen, Revanchisten, BRD-Eliten oder westlich beeinflusste Provokateure. Dass Jugendliche, Arbeiter, Hooligans oder Skinheads in der DDR selbst nationalsozialistische Symbole nutzten, Ausländer angriffen oder antisemitische Parolen verbreiteten, passte nicht in dieses Bild.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Es gab in der DDR rechtsextreme Tendenzen, Hakenkreuzschmierereien, neonazistische Gruppen, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments. Diese wurden häufig als „Rowdytum“ oder unpolitische Jugendkriminalität verharmlost. (5)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Der DDR-Staat konnte Rechtsextremismus nicht offen anerkennen, ohne seine eigene Legende zu beschädigen. Wenn Sozialismus angeblich automatisch antifaschistisch macht, dann ist jeder Neonazi im Sozialismus ein Systemwiderspruch.

Die Zionskirche 1987 als sichtbarer Bruch

Ein besonders wichtiger Fall war der Überfall von Neonazis auf Besucher eines Punkkonzerts in der Ostberliner Zionskirche im Oktober 1987. Der Vorfall wurde bekannt, weil auch Westmedien davon erfuhren. Er zeigte, dass rechte Gewalt in der DDR nicht nur eine westliche Erfindung war.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Der Überfall auf die Zionskirche 1987 wurde zu einem Wendepunkt in der Wahrnehmung rechtsextremer Gewalt in der DDR. (5)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Sichtbar wurde nicht nur eine rechte Szene. Sichtbar wurde auch das Versagen eines Staates, der alles überwachte, aber ausgerechnet das nicht sehen wollte, was sein Selbstbild bedrohte.

Die „AG Skinhead“ und der Giftschrank

Ende der 1980er Jahre wurden in der DDR auch interne Untersuchungen zu rechtsextremen Skinheads durchgeführt. Nach bpb-Darstellung wurden etwa 6.000 Neonazis erfasst, davon rund 1.000 als rückfällig dauergewaltbereit eingeschätzt; monatlich wurden 1988 bis zu 500 Taten aus diesem Milieu registriert. Solche Erkenntnisse wurden jedoch nicht öffentlich aufgearbeitet, sondern unter Verschluss gehalten. (5)
  • FAKT – Belastbarkeit: mittel bis hoch: Die genannten Zahlen stammen aus der Darstellung eines früheren DDR-Kriminalisten und bpb-Autors. Sie sind als wichtige zeitgenössisch-fachliche Einschätzung zu behandeln, nicht als vollständig unabhängig überprüfte Gesamtstatistik.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Entscheidend ist erneut das Muster: Die DDR hatte Informationen über rechte Gewalt, aber diese Informationen gefährdeten das Staatsbild. Also wanderten sie in den Giftschrank.

Rassismus gegen Vertragsarbeiter und Ausländer

Die DDR holte Vertragsarbeiter unter anderem aus Vietnam, Mosambik, Angola, Kuba und anderen sozialistischen Partnerstaaten. Offiziell geschah dies im Geist internationaler Solidarität. Tatsächlich lebten viele dieser Menschen isoliert, kontrolliert und sozial getrennt. Rassistische Abwertung und Gewalt wurden in der Öffentlichkeit kaum thematisiert, weil sie dem Bild des internationalistischen Antifaschismus widersprachen. (5)
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: In der DDR gab es rassistische Gewalt und Abwertung gegen ausländische Menschen, darunter Vertragsarbeiter und Studierende. Diese Vorfälle wurden häufig verschwiegen oder entpolitisiert. (5)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Das ist einer der bittersten Punkte. Ein Staat, der sich internationalistisch nannte, konnte den Rassismus der eigenen Gesellschaft nicht offen bearbeiten, weil er sonst das eigene Erziehungsversprechen hätte infrage stellen müssen.

DIE PROPAGANDA GEGEN BONN: WAHRER KERN, FALSCHE SELBSTENTLASTUNG

Die DDR musste die westdeutschen Altlasten nicht erfinden

Die Bundesrepublik hatte reale und schwere NS-Kontinuitäten. In Ministerien, Justiz, Verwaltung, Nachrichtendiensten, Wirtschaft, Universitäten und Parteien wirkten ehemalige NSDAP-Mitglieder und belastete Funktionsträger weiter. Dieses Thema war groß genug, um jede westdeutsche Selbstzufriedenheit zu zerstören.
  • FAKT – Belastbarkeit: hoch: Die Bundesrepublik hatte erhebliche NS-Kontinuitäten, besonders in Verwaltung, Justiz und politischen Eliten der frühen Jahrzehnte. (1), (2)
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die DDR traf einen wunden Punkt, wenn sie auf alte Nazis in Bonn zeigte. Diese Kritik war nicht einfach Propaganda aus dem Nichts.

Die DDR benutzte Wahrheit als Waffe

Problematisch war nicht, dass die DDR westdeutsche Altlasten benannte. Problematisch war, dass sie diese Benennung nutzte, um sich selbst als gereinigt darzustellen. Der Westen war der Ort der Nazis; der Osten war der Ort der Antifaschisten. Diese Vereinfachung war politisch nützlich und historisch falsch.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Die DDR operierte mit einer asymmetrischen Wahrheit: Sie legte die fremde Schuld unter das Brennglas und legte die eigene unter den Teppich.

Die paradoxe Wirkung

Diese Propaganda hatte eine doppelte Wirkung. Sie hielt westdeutsche Kontinuitäten im öffentlichen Konflikt präsent. Zugleich beschädigte sie die Möglichkeit ehrlicher Aufarbeitung im Osten. Wer Aufarbeitung als Waffe gegen den Gegner benutzt, verliert den Blick für die eigenen Täter, Mitläufer und Strukturen.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Das ist ein Grundmuster politischer Erinnerung: Solange Schuld vor allem beim Feind gesucht wird, bleibt sie ein Machtmittel. Erst wenn sie auch im eigenen Lager geprüft wird, wird sie Erkenntnis.

VERGLEICH: BRD UND DDR ALS ZWEI ARTEN DER VERDRÄNGUNG

Die Bundesrepublik: Integration durch Funktion

Die Bundesrepublik integrierte viele ehemalige NS-Belastete aus Gründen von Fachkräftebedarf, Staatsaufbau, Antikommunismus, Wiederbewaffnung, Verwaltungsroutine und gesellschaftlichem Schlussstrich. Die Debatte darüber wurde erst schrittweise durch Prozesse, Medien, Generationenkonflikte, Forschung und öffentliche Skandale geöffnet.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die westdeutsche Verdrängung war oft pragmatisch. Man wollte funktionieren, aufbauen, nach Westen gehören und nicht zu lange fragen, wer gestern welche Rolle gespielt hatte.

Die DDR: Verdrängung durch Mythos

Die DDR entfernte Teile alter Eliten energischer und setzte den Antifaschismus staatlich durch. Gleichzeitig erklärte sie die eigene Gesellschaft ideologisch für immun. Dadurch wurden eigene alte Nazis, eigener Antisemitismus, eigener Rassismus, eigene rechte Jugendmilieus und eigene politische Instrumentalisierung verdeckt.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: hoch: Die ostdeutsche Verdrängung war mythologisch. Man wollte nicht nur neu funktionieren, sondern als moralisch neuer Staat erscheinen.

Der gemeinsame Nenner

Beide Systeme hatten unterschiedliche Ideologien, unterschiedliche Bündnisse und unterschiedliche politische Formen. Aber beide entwickelten Mechanismen der Selbstentlastung. Der Westen sagte lange: Wir brauchen die alten Fachleute. Der Osten sagte: Bei uns ist der Faschismus ausgerottet. Beide Sätze verhinderten Wahrheit.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist keine Geschichte eines schuldigen Westens und eines reinen Ostens. Sie ist die Geschichte zweier Staaten, die mit derselben Katastrophe unterschiedlich umgingen – und beide ihre blinden Flecken hatten.

QUI BONO: WEM NÜTZTE DER DDR-ANTIFASCHISMUS?

Der DDR-Antifaschismus nützte zuerst der SED. Er gab ihr moralische Gründungslegitimation, obwohl sie keine freie demokratische Legitimation besaß. Wer gegen die SED war, konnte leichter als objektiver Helfer des Faschismus, Reaktionär, Imperialist oder Klassenfeind markiert werden. Er nützte auch ehemaligen Nationalsozialisten, die sich rechtzeitig anpassten. Wer loyal zum neuen Staat stand, konnte seine Vergangenheit überdecken. Die alte Schuld verschwand nicht durch Einsicht, sondern durch neue politische Brauchbarkeit. Er nützte der internationalen Selbstdarstellung der DDR. Der Staat konnte sich als Friedensmacht, antifaschistische Alternative und moralisch überlegenes Deutschland präsentieren. Das war besonders im Kalten Krieg wertvoll.
  • INTERPRETATION – Belastbarkeit: sehr hoch: Der DDR-Antifaschismus war nicht nur Erinnerung, sondern Währung. Er kaufte Legitimation, Loyalität, internationale Anerkennung und innenpolitische Disziplin.

BLUTZOLL: WER ZAHLTE DEN PREIS?

  • Den Preis zahlten zuerst die Opfer des Nationalsozialismus, deren Leid politisch sortiert wurde. Kommunistische Opfer wurden heroisiert. Jüdische Opfer wurden anerkannt, aber nicht ausreichend ins Zentrum gerückt. Andere Opfergruppen blieben randständig.
  • Den Preis zahlten auch Menschen, die in sowjetischen Speziallagern oder politischen Verfahren ohne ausreichende rechtsstaatliche Prüfung litten. Unter ihnen waren Täter und Belastete, aber auch Menschen, die aus politischen Gründen in die Mühlen der Sowjetisierung gerieten.
  • Den Preis zahlten jüdische Menschen in der DDR, wenn sie in einem Staat leben mussten, der sich antifaschistisch nannte, aber Israel feindlich behandelte, zionistische Kontakte verdächtigte und zeitweise antisemitische Muster in antiisraelischer Sprache reproduzierte.
  • Den Preis zahlten Vertragsarbeiter, Ausländer, Punks, Homosexuelle, oppositionelle Jugendliche und Minderheiten, wenn rechte Gewalt gegen sie nicht als rechter Terror, sondern als Rowdytum, Jugendproblem oder westliche Provokation behandelt wurde.
  • Den Preis zahlte am Ende auch die Wahrheit selbst. Ein Staat, der alles besser wissen wollte, konnte sich selbst nicht mehr prüfen.

ARBEITSHYPOTHESEN FÜR DIE WEITERE FORSCHUNG

Arbeitshypothese 1: Der DDR-Antifaschismus war real und instrumentalisiert zugleich

Die DDR hatte echte antifaschistische Traditionen, echte NS-Verfolgte in ihren Gründungsmilieus und echte Maßnahmen gegen alte Eliten. Zugleich wurde Antifaschismus zur Staatsreligion der SED und damit gegen offene Aufarbeitung immunisiert.
  • Belastbarkeit: hoch.

Arbeitshypothese 2: Die DDR bekämpfte Faschismus als Klassenfeind, nicht ausreichend als Menschheitsverbrechen

Der Nationalsozialismus wurde im DDR-Denken oft als Faschismus im marxistischen Sinne gedeutet: Herrschaft des Monopolkapitals, imperialistische Aggression, Klassenfeind. Dadurch wurde der Holocaust als antisemitisches Vernichtungsprojekt nicht ausreichend zentral.
  • Belastbarkeit: hoch.

Arbeitshypothese 3: Die DDR hatte keinen Mangel an Antifaschismus, sondern einen Mangel an Selbstprüfung

Viele DDR-Bürger waren ernsthaft antifaschistisch. Viele glaubten an Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit. Das Problem lag nicht nur bei den Menschen, sondern in der politischen Struktur: Eine Diktatur kann keine offene Erinnerungskultur tragen, weil offene Erinnerung immer auch die eigene Herrschaft prüfen würde.
  • Belastbarkeit: hoch.

Arbeitshypothese 4: Verdrängter Rechtsextremismus wurde nach 1990 nicht neu geboren, sondern sichtbar

Rechtsextreme Gewalt nach der Wiedervereinigung entstand nicht aus dem Nichts. Westliche Neonazi-Netzwerke, ökonomischer Zusammenbruch, Nachwende-Demütigung, Behördenversagen und Rassismus spielten eine Rolle. Aber die DDR brachte bereits eigene rechte Milieus und unaufgearbeitete autoritäre Prägungen in die Einheit ein.
  • Belastbarkeit: mittel bis hoch.

ZWISCHENFAZIT

Die DDR war nicht einfach die ehrliche Alternative zur westdeutschen Verdrängung. Sie war ein anderer Typ von Verdrängung. Sie beseitigte Teile alter Machtstrukturen realer und härter als der Westen, aber sie ersetzte offene Schuldprüfung durch Staatsmythos. Die DDR sagte: Wir sind antifaschistisch. Das war teilweise wahr. Sie sagte aber auch: Deshalb liegt die Schuld im Westen. Das war falsch. Sie sagte: Faschismus ist bei uns ausgerottet. Das war widerlegt durch ehemalige Nazis in der SED, alte NS-Biografien im öffentlichen Dienst, rechtsextreme Jugendmilieus, rassistische Gewalt, antisemitische Stereotype und eine antiisraelische Staatslinie, die oft mehr Schuldabwehr als Friedenspolitik war. Die faire Formel lautet deshalb:
Die DDR hatte echte antifaschistische Elemente, aber keine offene antifaschistische Selbstprüfung. Sie bekämpfte den Faschismus als äußeren und westlichen Feind, aber sie konnte ihn im eigenen Inneren nur begrenzt erkennen, weil seine Existenz dort den Staat selbst widerlegt hätte.

ADLER-REFLEXION

Der antifaschistische Anspruch der DDR darf nicht verspottet werden. In ihm lebten echte Biografien von Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten, Widerstand geleistet, Angehörige verloren und eine bessere Welt gesucht hatten. Diese Menschen verdienen Respekt. Aber der Staat, der sich auf sie berief, benutzte ihre Geschichte als Schild. Hinter diesem Schild verschwanden eigene Täter, eigene Anpasser, eigene Rassisten, eigene Antisemiten, eigene Repressionsapparate und eigene Opfer. Das ist der eigentliche Verrat: Nicht der Antifaschismus war falsch, sondern seine Verstaatlichung zur unprüfbaren Herrschaftsformel. Für das Tributsystem ist dieser Befund wichtig, weil er ein allgemeines Machtmuster zeigt:
Macht nimmt moralische Begriffe, entleert sie teilweise und macht sie zu Schutzschildern. Frieden wird zur Begründung von Waffen. Demokratie wird zur Begründung von Herrschaft. Antifaschismus wird zur Begründung einer Diktatur. Sicherheit wird zur Begründung von Überwachung.
Die Aufgabe bleibt deshalb immer dieselbe:
Nicht das Wort prüfen, sondern die Struktur dahinter. Nicht das Bekenntnis glauben, sondern die Wirkung betrachten. Nicht fragen: Wer nennt sich antifaschistisch? Sondern: Wer schützt Würde, Wahrheit und Leben – auch dann, wenn es gegen das eigene Lager geht?

QUELLEN

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