JERICHO UND DIE MAUER: SCHUTZBAU, RITUALGRENZE ODER MONUMENT DER SESSHAFTIGKEIT?
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- 1 JERICHO UND DIE MAUER: SCHUTZBAU, RITUALGRENZE ODER MONUMENT DER SESSHAFTIGKEIT?
- 1.1 ERKENNTNISKERN
- 1.2 DER ORT: OASE, QUELLE, SIEDLUNGSMAGNET
- 1.3 MAUER, GRABEN UND TURM: WAS WIRKLICH GESICHERT IST
- 1.4 DIE FUNKTIONSDEBATTE: WEHRMAUER, FLUTSCHUTZ ODER RITUALGRENZE?
- 1.5 DER TURM ALS SONDERFALL: MONUMENT, RHYTHMUS, SOZIALE ZEIT
- 1.6 DIE SCHÄDEL VON JERICHO: AHNENKULT UND SOZIALE INFRASTRUKTUR
- 1.7 JERICHO UND GÖBEKLI TEPE: PARALLELE ODER GLEICHES NETZWERK?
- 1.8 HANDEL, STOFFSTRÖME UND MOBILITÄT
- 1.9 ADLER-RANDASPEKTE: GRENZE, WAHRNEHMUNG, KLANG
- 1.10 OFFENE FORSCHUNGSFRAGEN
- 1.11 FAZIT
- 1.12 QUELLEN
- 1.13 ADLER-REFLEXION
ERKENNTNISKERN
Jericho gehört zu den wenigen Orten des frühen Neolithikums, an denen sich mehrere Grundfragen der Menschheitsgeschichte an einem Platz bündeln: monumentales Bauen ohne sicher nachweisbaren Staat, dauerhafte Sesshaftigkeit ohne Schrift, Ahnenrituale ohne Tempelbürokratie und überregionale Bezüge ohne klar sichtbares Zentrum. UNESCO beschreibt Tell es-Sultan ausdrücklich als ovalen Tell mit der benachbarten Quelle ‘Ain es-Sultan und hält fest, dass dort bereits im 9. bis 8. Jahrtausend v. Chr. monumentale Architektur in Form von Mauer, Graben und Turm belegt ist. Dieselbe Beschreibung nennt Schädel und Statuen als Hinweise auf Veränderungen in sozialer Organisation und religiöser Praxis. (1) (whc.unesco.org)Jericho ist ein Schlüsselfundort für frühe Sesshaftigkeit
Gerade deshalb ist Jericho für die Frage nach früher Ordnung so wichtig. Die berühmte Mauer kann nicht mehr naiv als reine Wehrmauer gelesen werden. Ebenso wenig lässt sie sich einfach in symbolische Spekulation auflösen. Die derzeit sauberste Annäherung lautet: Jericho war wahrscheinlich ein außergewöhnlicher Siedlungsknoten, in dem Umweltmanagement, soziale Grenzziehung, kollektive Arbeit und rituelle Ordnung ineinandergriffen. Die Mauer war womöglich nicht nur Schutz vor Menschen, sondern Teil einer komplexeren Mehrzweckarchitektur. Die Schädelpraktiken sprechen für eine starke Ahnen- und Zugehörigkeitspolitik. Und die Parallelen zu anderen frühen neolithischen Orten deuten eher auf einen größeren Interaktions- und Symbolraum als auf einen direkt beweisbaren Kultbund. (1)(3)(4)(5)(8)(9)(10) (whc.unesco.org)- Fakt (95 %): Jericho ist ein Schlüsselfundort für frühe Sesshaftigkeit, Monumentalität und soziale Verdichtung. (1)
- Interpretation (89 %): Die Mauer ist am plausibelsten als Teil einer multifunktionalen Siedlungsarchitektur zu lesen, nicht als eindeutiger Beweis eines Frühstaats. (1)(3)(5)
- Spekulation (34 %): Jericho kann als Schwellenraum gelten, in dem spätere Herrschaftselemente tastbar werden, ohne bereits zu einer verfestigten Tributordnung geronnen zu sein. (4)(8)(10)
DER ORT: OASE, QUELLE, SIEDLUNGSMAGNET
Tell es-Sultan liegt in der Jordanebene an einer außergewöhnlich günstigen Wasserlage. Die dauerhafte Quelle machte Jericho zu einem natürlichen Siedlungsmagneten in einer ökologisch sensiblen Umgebung. UNESCO beschreibt die Stätte ausdrücklich als ovalen Tell mit prähistorischen Ablagerungen menschlicher Aktivität, der die benachbarte Quelle einschließt. Diese Verbindung von Tell und Quelle ist keine Randnotiz, sondern der Schlüssel zum Verständnis des Ortes: Wer hier dauerhaft siedelt, muss Wasser, Boden, Hang und kollektive Lebensform gleichzeitig organisieren. (1) (whc.unesco.org)Die Quelle ‘Ain es-Sultan war zentrale Voraussetzung für Jerichos langfristige Besiedlung
Die neuere Forschung bestätigt Jerichos Schlüsselstellung für das Pre-Pottery Neolithic. Die 2023 publizierte Isotopen- und Proteomik-Studie untersuchte menschliche Zähne aus präkeramischen Schichten und fand nur zwei nicht-lokale Individuen unter 44 ausgewerteten Personen. Die Autoren bewerten das als Hinweis auf eine weitgehend sedentäre Gemeinschaft ohne Anzeichen großskaliger Migration. Das ist wichtig: Jericho war offenbar stark ortsgebunden, aber nicht notwendig isoliert. (2) (Nature)- Fakt (96 %): Die Quelle ‘Ain es-Sultan war eine zentrale Voraussetzung für Jerichos langfristige Besiedlung. (1)
- Interpretation (87 %): Jericho war ein ökologisch begünstigter Verdichtungspunkt, an dem Dauerhaftigkeit und soziale Organisation sich gegenseitig verstärkten. (1)(2)
- Spekulation (27 %): Die Quelle könnte nicht nur ökonomisch, sondern auch symbolisch als Mittelpunkt territorialer Identität gewirkt haben. (1)
MAUER, GRABEN UND TURM: WAS WIRKLICH GESICHERT IST
Archäologisch gesichert sind im frühen Jericho eine steinerne Mauer, ein Graben beziehungsweise Ditch und der monumentale Turm. Diese Bauelemente sind real, nicht bloß Rekonstruktionsfantasie. Ebenso gesichert ist, dass ihr Bau erhebliche kollektive Arbeit voraussetzte. Schon dieser Punkt ist historisch bedeutsam: Hier wurde Gemeinschaft nicht nur bewohnt, sondern gebaut und materialisiert. Monumentalität tritt also vor klassischer Urbanität und vor einem sicher nachweisbaren Staatsapparat auf. (1)(4) (whc.unesco.org)Jericho zeigt Monumentalität vor Staatsmonumentalität
Nicht gesichert ist dagegen die einfache Gleichung: Mauer gleich Wehrstaat. Aus dem Vorhandensein einer Mauer folgt noch kein Kriegssystem, keine Bürokratie, keine Klasse und kein Tributapparat. Genau diesen Punkt macht die Forschung zu früher Gemeinschaftsarchitektur im südlichen Levante-Raum stark: Monumentales Bauen kann bereits in frühen sesshaften Gesellschaften auftreten, ohne dass man schon voll entwickelte Elitenstrukturen voraussetzen muss. Damit ist Jericho eher ein Ort früher Verdichtung als ein eindeutiger Frühstaat. (3)(4) (dash.harvard.edu)- Fakt (97 %): Mauer, Graben und Turm gehören zum gesicherten Kernbefund von Jericho. (1)
- Interpretation (90 %): Jericho zeigt Monumentalität vor Staatsmonumentalität: kollektive Bauleistung ohne sicheren Nachweis eines ausgebildeten Zentralapparats. (1)(4)
- Spekulation (31 %): Der Turm könnte bereits soziale Disziplinierung und gemeinsame Zeitordnung materialisiert haben, ohne dass daraus schon Bürokratie folgte. (4)(5)
DIE FUNKTIONSDEBATTE: WEHRMAUER, FLUTSCHUTZ ODER RITUALGRENZE?
Die klassische Deutung versteht die Jericho-Mauer als Schutz gegen menschliche Feinde. Auf den ersten Blick spricht dafür die Kombination aus Mauer, Graben und Turm. Doch dieses Modell hat Schwächen. Ein konkreter kriegerischer Anlass ist nicht nachgewiesen. Genau hier setzt der alternative Vorschlag von Bar-Yosef und Goren an. Sie interpretierten die Anlage als Reaktion auf geomorphologische Risiken wie floods, mudflows und sheetwash. In dieser Perspektive wäre die Mauer weniger Kriegsarchitektur als Milieu- und Überlebensarchitektur. Das verschiebt die Frage grundlegend: Nicht „Wer war der Feind?“, sondern „Welche Landschaftsprozesse mussten kollektiv beherrscht werden?“ (3) (dash.harvard.edu)Rituell-kosmologische Zusatzbedeutung
Daneben gibt es eine dritte Linie, die dem Turm und der Anlage eine symbolische oder kosmologische Zusatzbedeutung zuschreibt. Barkai und Liran diskutieren unter anderem einen möglichen Zusammenhang des Turms mit dem Mittsommersonnenuntergang und einer markanten Landschaftsachse. Diese Hypothese ist kein gesicherter Konsens, aber sie ist ernst zu nehmen, weil frühe Monumente selten rein funktional sind. Eine Anlage kann Wasser lenken, Menschen ordnen und zugleich symbolisch aufgeladen sein. Die sauberste Formulierung lautet daher: Eine rituell-kosmologische Zusatzbedeutung ist plausibel, aber nicht abschließend bewiesen. (5) (tandfonline.com)Kein Monokausalmodell, sondern ein Mehrzweckmodell
Das derzeit stärkste Gesamtmodell ist deshalb kein Monokausalmodell, sondern ein Mehrzweckmodell. Mauer, Graben und Turm konnten gleichzeitig Umweltgefahren abpuffern, Zugänge strukturieren, kollektive Arbeit sichtbar machen und den Ort symbolisch von seiner Umgebung absetzen. Gerade diese Überlagerung macht Jericho so stark: Technik, Sozialordnung und Symbolik fallen hier nicht auseinander. (1)(3)(5) (whc.unesco.org)- Fakt (84 %): Eine rein militärische Deutung der Mauer ist nicht durch den Befund erzwungen. (3)(5)
- Interpretation (92 %): Das plausibelste Arbeitsmodell ist eine multifunktionale Anlage aus Milieumanagement, Grenzziehung und symbolischer Aufladung. (1)(3)(5)
- Spekulation (43 %): Wenn die kosmologische Deutung des Turms zutrifft, wäre Jericho ein sehr früher Fall, in dem Landschaft, Himmelsbeobachtung und Gemeinschaftsideologie bewusst in Stein übersetzt wurden. (5)
DER TURM ALS SONDERFALL: MONUMENT, RHYTHMUS, SOZIALE ZEIT
Der Turm von Jericho verdient eine eigene Betrachtung. Er ist nicht bloß ein Anhängsel der Mauer, sondern ein eigenständiges Monument. Forschung zu früher Gemeinschaftsarchitektur in der südlichen Levante macht deutlich, dass solche Sonderbauten Materialorganisation, Arbeitsrhythmus, Koordination und Versorgung voraussetzen. Noch bevor ein Tributsystem Arbeitskraft systematisch extrahiert, kann Monumentalbau bereits kollektive Rhythmen erzeugen und verdichten. (4)(5) (tandfonline.com)Taktgeber sozialer Ordnung
Hier öffnet sich ein zentraler Adler-Randaspekt: Frühneolithische Monumente sind nicht nur Dinge im Raum, sondern Taktgeber sozialer Ordnung. Wer gemeinsam baut, erzeugt Zeitdisziplin, Rollenverteilung und Wiederholungsstrukturen. Jericho könnte genau an dieser Schwelle stehen: noch kein ausgearbeiteter Apparat der Extraktion, aber bereits eine starke Verdichtung von Koordination. (4) (Nature)- Fakt (82 %): Der Turm war ein Sonderbau, dessen Errichtung erhebliche kollektive Koordination voraussetzte. (1)(4)
- Interpretation (85 %): Der Turm materialisiert nicht nur Raum, sondern soziale Zeit: Arbeit, Planung und Wiederholung. (4)(5)
- Spekulation (39 %): Solche Monumente könnten frühe Vorformen gesellschaftlicher Disziplinierung sein, lange bevor formale Bürokratie entsteht. (4)
DIE SCHÄDEL VON JERICHO: AHNENKULT UND SOZIALE INFRASTRUKTUR
Die berühmten plastisch modellierten Schädel von Jericho gehören nicht in denselben Horizont wie die erste Mauer-/Turm-Anlage, sondern in den PPNB-Kontext. Diese zeitliche Trennung ist wichtig. Die Schädel erklären nicht direkt den Ursprung der Mauer, aber sie eröffnen eine zweite, ebenso zentrale Ebene des Ortes: die symbolische Innenordnung der Gemeinschaft. Die technologische Studie zu den plastered skulls aus Jericho, Kfar HaHoresh und Beisamoun zeigt einen gemeinsamen technologischen Hintergrund bei lokalen Unterschieden. Die Schädel wurden offenbar lokal hergestellt, nicht als fertige Kultobjekte importiert. Das spricht für einen breiteren Ritualraum mit lokaler Ausprägung. (6) (ResearchGate)Transformation des Schädels
Die tiefere Bedeutung liegt in der Transformation des Schädels. Fletcher beschreibt diesen Prozess ausdrücklich als Übergang „from person to ancestor“. Der Tote bleibt damit nicht nur erinnert, sondern wird materialisiert, gezeigt und in die soziale Ordnung zurückgeholt. Gerade hier kommt ein wichtiger Sozialaspekt ins Spiel: Ahnenkult ist nicht nur Spiritualität, sondern soziale Infrastruktur. Wer Tote in die Gemeinschaft zurückbindet, stabilisiert Häuser, Linien, Zugehörigkeit und moralische Ordnung. (7)(8) (ResearchGate) Spätere Forschung hat genau diese Linie stark gemacht und Schädelrituale als Mittel von Gemeinschaftsbildung und Konfliktregulation interpretiert. Sekundärbestattung und skull caching konnten integrative Funktionen haben. In dieser Lesart sind die Schädel von Jericho nicht nur faszinierende Objekte, sondern Medien sozialer Kohäsion. (8) (link.springer.com)- Fakt (94 %): Plastered skulls sind für Jericho belegt und gehören in einen PPNB-Ritualkontext. (1)(6)
- Interpretation (91 %): Die Schädelpraxis diente sehr wahrscheinlich nicht nur der Bestattung, sondern der Reorganisation von Person, Ahne und Gemeinschaft. (6)(7)(8)
- Spekulation (36 %): Die Schädel könnten zusätzlich der Legitimation bestimmter Häuser oder Linien gedient haben, ohne dass dies für Jericho bislang eindeutig zuordenbar wäre. (7)(8)
JERICHO UND GÖBEKLI TEPE: PARALLELE ODER GLEICHES NETZWERK?
Die Parallele zu Göbekli Tepe ist real, aber sie muss präzise gefasst werden. In beiden Fällen zeigt sich, dass menschliche Schädel im frühen Neolithikum besonders behandelt wurden. Für Göbekli Tepe sprechen Gresky und Kollegen sogar von einer möglicherweise neuen Form neolithischen Schädelkults. Das allein macht den Vergleich legitim. (9) (semanticscholar.org)Verwandte Problembearbeitung in einem größeren Symbolraum
Gleichzeitig darf man die Praktiken nicht gleichsetzen. In Jericho dominieren plastisch modellierte Schädel mit Gips und Muschelaugen. In Göbekli Tepe sind es modifizierte Schädelfragmente mit Einschnitten und anderen Bearbeitungsspuren. Die Rituale sind also vergleichbar, aber nicht identisch. Der stärkste Schluss ist deshalb nicht „gleicher Kult“, sondern „verwandte Problembearbeitung in einem größeren Symbolraum“. (6)(9) (ResearchGate)Jericho und Göbekli Tepe als Knoten innerhalb eines größeren Interaktionsraums
Für die Netzwerkfrage ist Watkins’ Modell verschachtelter Netzwerke besonders hilfreich. Er argumentiert, dass im frühen Neolithikum lokale, regionale und supraregionale Kontakte zusammenwirkten und dass dabei nicht nur Objekte, sondern auch Praktiken wie burial, skull retrieval and curation Teil dieses Kommunikationsraums waren. In diesem Sinne ist es plausibel, Jericho und Göbekli Tepe als Knoten innerhalb eines größeren Interaktionsraums zu verstehen. Nicht belegt ist dagegen ein enger, direkter Jericho-Göbekli-Verbund im organisatorischen Sinn. (10) (semanticscholar.org)- Fakt (88 %): Jericho und Göbekli Tepe belegen beide Sonderbehandlungen menschlicher Schädel, aber in unterschiedlichen materiellen Formen. (6)(9)
- Interpretation (87 %): Die stärkste Lesart ist ein breiter neolithischer Symbol- und Interaktionsraum, nicht die Behauptung eines direkten Kultbundes. (9)(10)
- Spekulation (33 %): Jericho könnte ein südlicher Knoten eines weitgespannten rituellen Kommunikationsraums gewesen sein. (10)
HANDEL, STOFFSTRÖME UND MOBILITÄT
Die Netzwerkfrage wird noch interessanter, wenn man Stoffströme und Mobilität trennt. Der harte Befund der 2023er Jericho-Studie lautet: nur sehr wenige nicht-lokale Individuen unter den untersuchten menschlichen Resten. Die Autoren beschreiben Jericho deshalb als weitgehend sedentäre Gemeinschaft ohne Hinweise auf großskalige Migration. Das ist ein wichtiger Punkt: Dinge, Techniken und Ideen konnten offenbar zirkulieren, ohne dass ganze Bevölkerungen ständig in Bewegung sein mussten. (2) (Nature)Sedentäre Jericho-Gemeinschaft ohne großskalige Migration
Damit wird Jericho als Siedlung noch spannender. Der Ort war offenbar nicht isoliert, aber auch nicht hochmobil. Er könnte ein lokaler Anker in einem größeren Netz gewesen sein: Menschen lebten stabil vor Ort, während Materialien, Formen und Rituale über weitere Räume hinweg zirkulierten. Für die Frage nach früher Ordnung ist das zentral, weil hier bereits sichtbar wird, wie Sesshaftigkeit und Vernetzung gleichzeitig existieren können. (2)(10) (Nature)- Fakt (94 %): Die derzeit beste bioarchäologische Evidenz spricht für eine weitgehend sedentäre Jericho-Gemeinschaft ohne großskalige Migration. (2)
- Interpretation (88 %): Jericho war vermutlich lokal stabil, aber in übergreifende Austausch- und Symbolnetze eingebettet. (2)(10)
- Spekulation (28 %): Solche Kombinationen aus Ortsbindung und Netzoffenheit könnten eine Grundform späterer Siedlungsknoten darstellen. (2)(10)
ADLER-RANDASPEKTE: GRENZE, WAHRNEHMUNG, KLANG
Ein wichtiger Randaspekt ist die Grenze selbst. Eine Mauer trennt nicht nur innen und außen; sie erzeugt Wahrnehmung, Zugehörigkeit und Ortsbewusstsein. Selbst wenn die Jericho-Mauer teilweise Flutschutz war, bleibt sie auch Sozialform: Sie markiert, wer drinnen lebt, wer am gemeinsamen Bau beteiligt ist und wo Gemeinschaft sich sichtbar von Umgebung unterscheidet. Grenze ist hier deshalb nicht nur militärisch, sondern sozial und symbolisch zu denken. (1)(3)(5) (whc.unesco.org)Die Frage nach Klang und akustischer Raumwirkung
Ein weiterer Adler-Randaspekt ist die Frage nach Klang und akustischer Raumwirkung. Archaeoacoustics ist heute ein anerkanntes interdisziplinäres Feld, das untersucht, wie Räume Klang formen, bündeln oder rituell nutzbar machen. Für Jericho selbst gibt es bislang keinen starken Direktnachweis, der dem Turm oder der Mauer eine sichere akustische Funktion zuschreibt. Aber genau deshalb ist das eine offene Forschungsfrage, keine Fantasie. Bei einem so markanten Monument ist die Frage legitim, ob Stimme, Ruf, Gesang, Percussion oder rhythmische Koordination Teil seiner sozialen Wirkung waren. (11) (Annual Reviews)Jericho kann man auch als Wahrnehmungsarchitektur lesen
Hier lohnt sich begriffliche Disziplin. Von „Frequenzen“ im freien esoterischen Sinn zu sprechen, wäre zu weich. Wissenschaftlich tragfähig ist die Frage nach akustischer Wirkung, Resonanz, Wahrnehmung und performativer Raumstruktur. Jericho könnte also auch als Klang- und Wahrnehmungsraum untersucht werden, ohne dass man in Spekulation abgleitet. (11) (Annual Reviews)- Fakt (79 %): Mauer und Turm hatten sehr wahrscheinlich nicht nur physische, sondern auch wahrnehmungs- und ordnungsbezogene Effekte. (1)(5)
- Interpretation (78 %): Jericho ist auch als Wahrnehmungsarchitektur zu lesen: als Ort, an dem Gemeinschaft über Sichtbarkeit, Grenze und Monumentalität hergestellt wurde. (1)(5)
- Spekulation (19 %): Eine gezielte akustische Mitfunktion des Turms ist möglich, aber derzeit archäologisch offen. (11)
OFFENE FORSCHUNGSFRAGEN
Trotz aller Befunde bleibt Jericho in mehreren Kernfragen offen. Erstens ist die Funktion der Mauer nicht endgültig geklärt: Wie groß war der Anteil von Umweltmanagement, wie groß der von sozialer Grenzziehung, wie groß der von symbolischer Aufladung? Zweitens ist beim Turm weiterhin unklar, ob er primär funktional, identitätsstiftend, kosmologisch oder kumulativ mehrdeutig war. Drittens bleibt bei den Schädeln offen, ob sie eher Hauslinien, Teilgemeinschaften oder die Gesamtgemeinschaft repräsentierten. Viertens ist die Netzwerkfrage nicht abschließend beantwortet: Jericho war sicher nicht isoliert, aber der Grad direkter Verbindung zu anderen monumentalen Zentren bleibt unbewiesen. Und fünftens sind die Adler-Randzonen noch stark unterforscht: akustische Wirkung, soziale Zeitdisziplin und konkrete Verteilung der Arbeitslasten. (2)(3)(5)(6)(8)(10)(11) (Nature)FAZIT
Jericho ist weder bloß die „erste Stadt“ noch einfach die „erste Festung“. Der Ort zeigt vielmehr eine frühe Verdichtung von Gemeinschaft, in der Landschaft, Bau, Ritual, Ahnenpolitik und Vernetzung miteinander verschränkt sind. Die Mauer war wahrscheinlich mehr als reine Wehrarchitektur. Die Schädel waren mehr als Bestattungsobjekte. Und die Parallelen zu anderen frühen Monument- und Ritualorten sprechen eher für einen breiten neolithischen Interaktionsraum als für einen direkten Kultbund. (1)(2)(3)(6)(9)(10) (whc.unesco.org) Für die Geschichte von Herrschaft ist Jericho gerade deshalb so wichtig, weil hier schon Voraussetzungen späterer Machtbildung sichtbar werden, ohne dass ein voll entwickelter Tributapparat nachweisbar wäre: kollektive Arbeitskoordination, räumliche Grenzziehung, symbolische Legitimation, soziale Zeitordnung und ritualisierte Ahnenbindung. Jericho ist damit kein Beweis für bereits ausgebildete Oligarchie, sondern ein Ort an der Schwelle: ein frühes Labor dafür, wie Menschen Gemeinschaft, Grenze, Erinnerung und Dauer in Stein übersetzen. (1)(4)(8) (whc.unesco.org)QUELLEN
- (1) UNESCO World Heritage Centre, Ancient Jericho/Tell es-Sultan
- (2) Wang et al., Isotopic and proteomic evidence for communal stability at Pre-Pottery Neolithic Jericho in the Southern Levant (2023)
- (3) Bar-Yosef / Goren, The Walls of Jericho: An Alternative Interpretation (1986)
- (4) Finlayson et al., Architecture, sedentism, and social complexity at Pre-Pottery Neolithic A WF16, Southern Jordan (2011)
- (5) Barkai / Liran, Midsummer Sunset at Neolithic Jericho (2008)
- (6) Goren / Goring-Morris / Segal, The technology of skull modelling in the Pre-Pottery Neolithic B (PPNB) (2001)
- (7) Fletcher, From person to ancestor, the plastered skull from Jericho
- (8) Kuijt, Keeping the Peace: Ritual, Skull Caching, and Community Integration in the Levantine Neolithic (2000)
- (9) Gresky et al., Modified human crania from Göbekli Tepe provide evidence for a new form of Neolithic skull cult (2017)
- (10) Watkins, New Light on the Neolithic Revolution in South-West Asia / Supra-Regional Networks
- (11) Díaz-Andreu et al., Archaeoacoustics: Research on Past Musics and Sounds (2025)